Selbstoptimierung, Ansprüche und Anpassung – No-Stress Jam #1

selbstoptimierung

Das Gefühl stetig wachsenden Ansprüchen gerecht werden zu müssen ist kein schönes. Wo findet dabei die Selbstoptimierung ihren Platz?

Unangepasst zu sein bedeutet nicht gleichzeitig unpassend zu sein. Dennoch sehen sich viele Menschen konfrontiert mit ihren tägliche Aufgaben. Als festgefahrene Routine sehen sie sie als Last, die mit dem Verlauf der Zeit immer schwerer wird. Die daraus resultierende ansteigende Stresswahrnehmung vergilbt unsere Sinne und stumpft sie soweit ab, dass ein Genuss unserer täglichen Erledigungen immer schwieriger wird. Wie können wir Freude in etwas finden, das augenscheinlich unserer Selbstverwirklichung im Wege steht?

Im Zuge unserer "höher-schneller-besser"-Kultur breitet sich ein Denken aus, welches die Selbstoptimierung enorm hervorhebt. Von Life-Coaches zu Selbsthilfebüchern über Nootropics zu Diäten. Dabei ist das Bedürfnis der Verbesserung seines Aussehens, Denkens und Handelns in sich selbst oft ein Produkt des fast schon wahnhaften Trends des Besser-werdens.

An sich zu arbeiten ist keineswegs krankhaft oder falsch. Ganz im Gegenteil, besser werden heißt BESSER WERDEN. Wichtig ist es, für jeden, der aktiv an seiner eigenen Person arbeiten möchte, WORAN sie oder er arbeitet.

Stecke dir deine eigenen Ziele. Am besten Ziele, die ganz autentisch von Herzen kommen und in das Gesamtbild der Person, die du gerne sein möchtest, passen. Verfolge große Ziele, vergiss jedoch nicht diese in kleine Etappensiege aufzuteilen. Wenn du nicht weiß, wer du sein möchtest, dann warte noch mit den großen Zielen. Die Chance sich zu verlaufen, wenn man nicht sicher ist, wo man hin möchte, ist sehr groß.

In einer Flut von non-stop "24/7" Sinneseindrücken, durch die rapide Verbreitung medialer Inhalte, ist es sowieso grundlegend fast unmöglich einen klaren und kühlen Kopf zu bewahren. Jeder hat etwas, alle möchten etwas, keiner ist zufrieden, aber alle scheinen ihr Leben vollends auszukosten. Es ist einfach zu leicht zu (v)erkennen, was man noch braucht, um glücklich zu werden. Viel schwieriger ist das Gegenteil.

Ruhe zu finden und Glückseligkeit zu empfinden ist fast immer negativ korelliert mit dem Bedürfnis sich etwas kaufen, bzw. aneignen, zu müssen. Ausgenommen davon sind überwiegend Fähigkeiten, die einen als Person wachsen lassen und Erfahrungen, die selbiges tun. Davon nicht ausgenommen sind materielle Güter, denen eine magische Fähigkeit zugeschrieben wird. Der Besitztum an sich erzeugt in uns die Vorstellung und Erwartungshaltung der sofortigen Verbesserung gewisser Aspekte in unserem Leben.

Der neue Fernseher bringt so viel mehr Spaß, die neue Kette macht mich so viel glücklicher, unser zweites Auto macht uns umso mobiler...Sicherlich ist es möglich, dass eine neue materielle Anschaffung einem Freude bereitet. Leider ist diese in dem meisten Fällen weitaus kurzlebiger und weniger intensiv, als wir es uns erhofft hatten. Vertreten wir dagegen den Gedanken materielle Besitztümer als Möglichkeit der Selbstentfaltung zu betrachten, eröffnen sich uns viel mehr Freiheiten und Situationen, in denen wir mit Hilfe unserer Ansprüche, einer realen Selbsteinschätzung und etwas Struktur, als Menschen wachsen können.

Damit einher geht die Unangepasstheit, mit der ich diesen Text eingeleitet habe. Um unangepasst zu sein, bedarf es der Überzeugung wir seien als Ganzes (oder ein bestimmter Teil von uns) unpassend in dem Kontext, in dem wir uns befinden. Um uns passend zu machen, versuchen wir krampfhaft uns zu bessern. Besserung steht dabei zu oft gleichbedeutend für Veränderung im Sinne von "sich ändern" ohne im Hinterkopf zu behalten, wer wir sind oder wer wir sein möchten.

Einen Moment inne halten und mit kontrollierter 4-6-Atmung [PDF] zu reflektieren, wer ich bin und wer ich sein möchte, soll als Abschluss mit dem ersten No-Stress-Jam den heutigen Beitrag beenden.

Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmailFacebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail

Emotionale Reaktionen und Musik

Musik und Emotionen

Musik wird, spätestens seit Zeiten der alten Griechen, mit Gefühlen verbunden. Emotionen spüren, sich dem hingeben, was in uns brodelt und nicht zuletzt sich selbst ein stück weit besser verstehen, ist wichtiger Teil musikalischer Wahrnehmung. Aber wie nehmen wir Musik wahr? Wie kommen wir dazu zutiefst berührt zu sein, wenn die letzte akustische Schwingung den Raum verlässt und wir konfrontiert sind mit der geballten Leere als Abschluss einer emotionalen Achterbahnfahrt?

 

 

Bis Tränen fließen oder wir lautstark vor Freude lachen.

 

Menschen nutzen Musik um ihre Gefühle zu beeinflussen. Emotionen erzeugen, die momentane Emotion möglichst schnell abändern in eine andere und sich selbst beruhigen, Stress abbauen oder in feierlaune bringen, sind nur grobe Beispiele dessen, was Musik in seiner praktischen Anwendung leisten kann.

Auch wenn es wenige Menschen gibt, denen Musik als emotionaler Richtungsweiser keinerlei Nutzen bringt, sind die meisten unter uns bewusst und unbewusst stark durch musikalische Einflüsse geprägt. Die Wissenschaft, insbesondere die Psychologie der Musik, weiß auf einige Fragen und Phänomene dieser Art Antworten zu geben. Vieles in der Thematik unserer audiovisuellen Wahrnehmung ("Warum erzeugt bereits das Intro zu Stairway to Heaven bei vielen eine Gänsehaut?", "Wie kann es sein, dass Menschen Dubstep genießen?", "Wieso verstehen wir in unseren westlichen Kulturkreisen ungerade Taktarten nur schwer?") ist uns jedoch weitestgehend ein Rätsel.

Es ist, bei der Wahrnehmung von Emotionen, erzeugt durch musikalische Darbietung, wichtig zu unterscheiden, ob eine Emotion nur erkannt oder tatsächlich gefühlt wird. Viele Musikstücke tendieren dazu dem Zuhörer eine gewisse emotionale Grundhaltung aufzuerlegen. Nichtsdestotrotz kann eine Gefühlsebene (aggressiv, liebevoll, aufgeregt, ruhig etc.) nicht nur erkannt und nachvollzogen, aber auch internalisiert und von einem selbst aus erzeugt und erlebt werden.

Beispiel:
Höre ich mir "Stumble then rise on some awkward morning" (A Silver Mount Zion) an, dann ist relativ offensichtlich wie ich mich fühlen werde. 

Doch auch hier ist zu unterscheiden zwischen der alleinigen Erkennung der durch die Musik übertragenen Emotionen und dem tatsächlich von mir aus erzeugtem Gefühl der z.B. Hilflosigkeit, Angst, Einsamkeit, Hoffnung etc. Sicherlich gehen beide Phänomene Hand in Hand. Es braucht eine Art Auslöser, um den "Motor" der Emotion in Fahrt zu bringen, so wie es ein trauriges Ereignis braucht, um tatsächlich Trauer empfinden zu können. Sobald diese Anregung passiert ist, dient die musikalische Darstellung als Katalysator, der das eigene Denken, die Gefühle und Erinnerungen antreibt und uns eine unter Umständen tausendfach stärkere Gefühlswahrnehmung bereitet. Bis Tränen fließen oder wir lautstark vor Freude lachen.

Eine interessante Beobachtung ist die inkongruente Wahrnehmung durch Musik erzeugter Emotionen. Es ist demnach nicht selten, dass sich Menschen zur Beruhigung, in aufregenden Lebensphasen, besonders schnelle, aggressive und/oder laute Musik genehmigen. Zarte Klavierstücke hingegen würde diese Sparte Mensch nur weiterhin auf die Palme bringen. Andere dagegen brauchen ruhige Klänge um sich zu beruhigen. Jeder, wie er es braucht.

Musik und Emotionen

Wie werden Emotionen definiert?

Um mit Emotionen arbeiten zu können, müssen wir sie verstehen und definieren. Das Konzept menschlicher Emotionen ist sehr weitläufig und kann unter vielen verschiedenen Gesichtspunkten verstanden werden.

In der Wissenschaft konnt esich soweit geeinigt werden, dass Emotionen stets als ein Affekt verstanden werden kann. Eine Emotion ohne Affekt ist keine reine Emotion. Menschlicher Affekt ist aber weitaus mehr als nur Emotionen. Unter Affekt verstehen wir weiterhin soetwas wie unsere Vorlieben, unsere Stimmung, bestimmte Neigungen und was wir umgangssprachlich als Bauchgefühl definieren. 

Auch wenn sich (noch) nicht auf eine allgemeingültige Definition von Emotionen geeinigt werden konnte (und wahrscheinlich niemals wird), wissen wir die Terminologie halbwegs einheitlich zu nutzen. Emotionen werden verstanden als zeitlich begrenzt anhaltende Gefühlsregungen, welche einige Minuten, aber auch mehrere Stunden, anhalten können. Es sind intensive Reaktionen auf für das eigene Leben direkt oder indirekt potentiell wichtige Ereignisse. Darüber hinaus erzeugen auch Änderungen in der eigenen Umwelt emotionale Reaktionen. Solche Änderungen müssen nicht immer nur von außen kommen. Innere Veränderungen, im Sinne von Erkenntnissen oder Selbstreflektion, kann eine intensive Emotion hervorrufen. Beispiele für solch umweltbedingte Einflüsse und Änderungen können extrem vielseitig sein, beinhalten aber fast immer mehrere der folgenden Bestandteile:

 

  1. kognitive Einschätzung (etwas wird als gefährlich wahrgenommen/etwas wird als sehr vertrauenswürdig eingeschätzt)
  2. subjektive Wahrnehmung (ein komisches Bauchgefühl/"Ich fühle mich gut bei der Sache, weiß aber nicht so recht weshalb")
  3. körperliche (physiologische) Reaktionen (mit Steigerung der Herzfrequenz wird unserem Hirn vermittelt, dass eine Gefahr droht oder ein extrem freudiger und aufregender Zustand eintritt)
  4. Ausdruck (schreien/flüstern)
  5. Handeln (wegrennen/annähern; Flüchten/Kämpfen)
  6. Regulierung (beruhigen/aufregen)

 

Solche Komponenten können in wissenschaftlichen Untersuchungen dazu genutzt werden emotionale Zustände zu messen und einzuschätzen. Ein wichtiger Punkt dabei ist das Verständnis Emotionen von Gefühlen unterscheiden zu können. Emotionen werden üblicherweise gehandelt als intensive Reaktion auf einen gewissen (definierbaren) Auslöser. Gefühlszustände dagegen brauchen nicht zwingend einen direkten Auslöser und können über einen weitaus längeren Zeitraum empfunden werden.

Wie werden Emotionen gemessen?

Wenn wir über Emotionen in Musik sprechen, müssen wir eine Möglichkeit haben auch tatsächlich nachprüfen zu können, was wer wann fühlt.

Erzeugt Musik Emotionen? Welche Emotionen erzeugen verschiedene Arten von Musik? In welchen Situationen werden Emotionen besonders stark durch Musik hervorgerufen? Sind durch Musik erzeugte Emotionen in ihrer Art anders als Emotionen, die durch andere Auslöser, wie zum Beispiel ein Gedicht oder eine Geschichte, erzeugt werden? Kann Musik vielleicht sogar gesundheitliche Vorteile mit sich bringen?

All das sind Fragen, die sich viele Musiker und besonders Wissenschaftler seit geraumer Zeit stellen. 

Seit den späten 90er Jahren werden verschiedenste methodologische Vorgehensweisen genutzt, um wenigstens ein paar dieser Fragen zu beantworten. Es wurden bereits Experimente durchgeführt, in denen die Testkandidaten Musik hören (Waterman, 1996), Umfragen beantworten (Juslin und Laukka, 2004), Tagebücher führen (Sloboda, 2001 - PDF) oder in Interviews Stellung beziehen (DeNora, 2001).

Unter Anbetracht der vielschichtigkeit von menschlichen Emotionen ist über die Jahre deutlich geworden, dass verschiedenste Messungen kombiniert am aussagekräftigsten sein können. So könnte man im experimentellen Kontext einer Studie neben den geläufigen physiologischen Messungen (Herzfrequenz, elektrodermale Aktivität, Körpertemperatur etc.) Aussagen der Partizipanten und Verhaltensbeobachtungen kombinieren und somit ein stärker aussagefähiges Gesamtbild konstituieren. 

Eines der größten Probleme bei solchen Vorgehensweisen ist die fehlende Natürlichkeit der Situation. Simpel ausgedrückt wird sich niemand freiwillig in ein enges Labor setzen, sich mit einem EEG-Gerät verkabeln lassen, um den himmlischen Klängen eines David Gilmoure Gitarrensolos hinzugeben. Eine experimentelle Laborsituation ist nämlich genau das, was es ist...eine Situation im Labor. Künstlich erzeugt unter den besten Umständen, um Messungen möglichst kontrolliert und ohne große Fremdeinflüsse vornehmen zu können.

Völlig anders sieht es bei natürlichen Alltagssituationen aus. Die Anzahl an nicht zu beeinflussenden Variablen im alltäglichen Leben macht es einer kontrollierten Messung feinster körperlicher und kognitiver Reaktionen fast unmöglich. 

Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmailFacebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail

Kampf dem Zynismus

kopfvoll - Zynismus

“There was nothing really as glorious as a good beer shit—I mean after drinking twenty or twenty-five beers the night before. The odor of a beer shit like that spread all around and stayed for a good hour-and-a-half. It made you realize that you were really alive.”

Bukowski – Ham on Rye (1982)

„Nichts war glorioser als ein guter Bierschiss – Ich meine, nach zwanzig oder fünfundzwanzig Bieren am Abend davor. Der Gestank von solch einem guten Bierschiss hat sich im ganzen Haus verteilt und blieb für mehr als eineinhalb Stunden."

kopfvoll - Zynismus

Wenn wir uns darauf einigen können, dass außer Kinder unter 3 Jahren nur englische Bulldoggen die gleiche abstruse Art von Naivität an den Tag legen, die das Sehen durch eine mit rosafarbenen Gläsern ausgestattete RayBan möglich machen lässt, dann können wir einen gemeinsamen Gedanken fassen.

Eine lebensnahe  Maßnahme, um dem tatsächlich auf den Grund zu gehen, ist dein Kind neben deinen Hund zu platzieren und beiden mit freudiger Stimme zu erklären, sie würden entweder eingeschläfert oder als Adoptivfall bei der nächsten kirchlichen Einrichtungen, für die Mutti seit 1986 keine Steuern mehr bezahlt, abgegeben werden. Eines der Wesen vor dir müsste mit dem Schwanz wackeln, das andere sich entweder freudsam- oder hasserfüllt besabbern.  

Beiden ist nicht bewusst, aufgrund fehlender Einsicht in anderer Menschen Gedanken, was eine zynische Aussage, bzw. eine zynische Art der Lebenseinstellung, ist.

Dem Zweibeiner wird notwendigerweise jedoch früher oder später klar, dass das Anpreisen seiner selbstgemalten Pferde und Raumschiffe mit „Das ist aber ein schönes Kamel, gut gemacht!“ aus einer Unterstützenden und ernst gemeinten, oder aus einer destruktiven verhöhnenden, Richtung kommen kann. Mit ersterer soll sichergestellt werden, dass das Kind nicht auf Grund von Demotivation aufhört seine Fantasie auf künstlerische Art und Weise auszuleben. Auf Grund letzterer finden sich lernbegabte und talentierte Menschen Mitte 30 als Burger-Flipper im Lokal zur goldenen Taube wieder. 

kopfvoll - Zynismus

Der kleine Racker wird im Laufe seiner Zeit Bekanntschaften machen mit Menschen, die einen alleszerfressenden toxischen Schleim absondern, mit dem sie den Untergang eines erfüllenden und zugleich positiven Fortbestandes unseres kollektiven Bewusstseins sicherstellen. Sicher wird er sich auch glücklich schätzen dürfen erfreulichere Mitmenschen kennen zu lernen. Manchmal wird er Menschen begegnen, die zwischen beiden Extremen pendeln können und damit aus jedem entspannten Treffen in der Öffentlichkeit eine Denkübung machen, bei der der Gesprächspartner in Sekundenschnelle von einer Seite des Interpretationsspielraums auf die andere rennen muss. Das verletzen dieser Regel hat standardgemäß dramatische Konsequenzen für alle darauffolgenden öffentlichen Treffen.

So oder so wird sich unser (imaginäres) Kind selbst irgendwo auf dem Spektrum zwischen zynisch und idealistisch einpegeln. Hoffentlich wird es im Prozess dabei erkennen, wie hemmend eine von Negativismus geprägte und tiefgehend zynische Art des Denkens und des Lebens sein kann:

  1. Die Tendenz zum Zynismus ist über die Lebensspanne einer Person relativ stabil [1].
  2. Zynisches Misstrauen ist ein aussagekräftiger Prädiktor für gesundheitlich negative Folgen wie Übergewicht [2] , Herzinfarkt [3] und Demenz [4].
  3. Zynische Menschen geben und erhalten im Durchschnitt weniger soziale Unterstützung [5].
  4. Zyniker berichten von stärkeren und mehr Konflikten innerhalb der Familie [6].
  5. Zynische Feindseligkeit haben ein schlechteres Arbeitsklima und schlechteres bürgerliches Verhalten zur Folge [7][8].

kopfvoll - Zynismus

Zynismus hat nicht nur aus allgemeinverständlicher Sicht eine breite Facette an Bedeutungen, auch aus wissenschaftlicher Sicht ist es relativ schwer eine vereinheitlichte Definition des Begriffs und Interpretation seiner Bedeutung zu handhaben. Die Frage nach intrinsischem Zynismus geht seit der Existenz der westlichen Philosophie mit wissenschaftlichen Interpretationen einher. Thomas Hobbes glaubte, die Menschheit wäre in konstantem Krieg gegen sich selbst. Jeder einzelne wäre radikal egozentrisch und würde, durch Ausleben von z.B. Zynismus, den eigenen Selbsterhalt gewährleisten. Auf der anderen Seite wird es immer Repräsentanten der menschlichen Gutgläubigkeit geben. Menschen, die angetan von der Positivität im Erkennen lebendiger Farben und dem „Scheitern durch Versuch“, an lebensbejahenden Einzelheiten im Leben festhalten. Eine moderne Abhandlung von menschlicher Psyche und ihrer positiven Eigenschaften findet man im Bereich/Paradigma „positive psychology“. Daniel Nettle, Dan Gilbert  oder Martin Seligman und eine stetig steigende Anzahl Anhänger sammeln ihre Gedanken, ihre Recherche und wissenschaftliche Untersuchungen und opfern unzählige Lebensstunden, um der negativen Front der Inhalte psychologischer-, philosophischer- und politischer Wissenschaft Einhalt zu gebieten. Gleichermaßen wird durch eine solche Anstrengung ein kleiner Teil der Menschheit darüber informiert, dass es Sinn macht sich ab und zu selbst kritisch zu beobachten und zu hinterfragen.

Wer sich dabei beobachtet mit böswilliger Intention die Errungenschaft und damit die Leistung eines Mitmenschen anzupreisen, nur um nach Erfüllung einer sozial normierten Handlung („Danke“, „Bitte“, „Glückwunsch“ oder „Ohh, schade“) die Pest auf denjenigen zu wünschen, kann wenigstens die bewusste Entscheidung treffen tief durchzuatmen, bis zehn zu zählen und seinen Umgang mit der Welt zu überdenken. Dagegen kann sich jemand, der nicht auf die Idee kommt der ekelhaften Seite seines Daseins jemals die Hand zu schütteln, nicht von der eigenen Abart  befreien. Ganz nach dem Motto „Was ich nicht sehe, existiert nicht.“ Übrigens ebenso ein Motto, nach dem viele Kleinkinder für mehrere Monate ihr Leben ausrichten. Dabei hat es so viele wichtige Vorteile für einen Menschen, nicht der Falle des negativen Abgrunds zum Opfer zu fallen:

  1. Weniger zynische Lebensweisen sorgen für einen gesunden und effektiveren Umgang mit Stress [9].
  2. Nicht-zynische Menschen erreichen nicht später als zynische Menschen ein bestimmtes Arbeitsziel, haben aber einen höheren Anspruch an Qualität, als ihre zynischen Kollegen [10].
  3. Zyniker verdienen weitaus weniger als nicht-zynische Menschen [11].

Natürlich hat ein Karl (Charles) Bukowski mindestens genauso viel Spaß im Leben wie ein Gandhi. Was beide dennoch unterscheidet ist, unter anderem, der Einfluss, den sie auf andere Menschen haben/hatten und das Einkommen, dass beide hätten, würden sie 8h am Tag auf einer Tastatur rumhacken. Während der eine majestätisch zugedröhnt die Welt in ihrem stinkenden erbrochenen in lyrischer Perfektion wiederspiegelt, hockt der andere im Schneidersitz, hungernd, auf einem Berg glückseliger Enttäuschung und Hoffnung.

Der Vergleich/Gegensatz braucht eine Krücke.

Quellen:

[1] - Goodwin, R., Polek, E., & Bardi, A. (2012). The temporal reciprocity of values and beliefs: A longitudinal study within a major life transition. European Journal of Personality, 26, 360 370. http://dx.doi.org/ 10.1002/per.844

[2] - Bunde, J., & Suls, J. (2006). A quantitative analysis of the relationship between the Cook-Medley Hostility Scale and traditional coronary artery disease risk factors. Health Psychology, 25, 493–500.

[3] - Nelson, T. L., Palmer, R. F., & Pedersen, N. L. (2004). The metabolic syndrome mediates the relationship between cynical hostility and cardiovascular disease. Experimental Aging Research, 30, 163–177. http:// dx.doi.org/10.1080/03610730490275148

[4] - Neuvonen, E., Rusanen, M., Solomon, A., Ngandu, T., Laatikainen, T., Soininen, H.,...Tolppanen, A. M. (2014). Late-life cynical distrust, risk of incident dementia, and mortality in a population-based cohort. Neurology, 82, 2205–2212. http://dx.doi.org/10.1212/WNL .0000000000000528

[5] - Kaplan, S. A., Bradley, J. C., & Ruscher, J. B. (2004). The inhibitory role of cynical disposition in the provision and receipt of social support: The case of the September 11th terrorist attacks. Personality and Individual Differences, 37, 1221–1232. http://dx.doi.org/10.1016/j.paid.2003.12 .006

[6] - Baron, K. G., Smith, T. W., Butner, J., Nealey-Moore, J., Hawkins, M. W., & Uchino, B. N. (2007). Hostility, anger, and marital adjustment: Concurrent and prospective associations with psychosocial vulnerability. Journal of Behavioral Medicine, 30, 1 - 10. http://dx.doi.org/10.1007/ s10865-006-9086-z

[7] - Turner, J. H., & Valentine, S. R. (2001). Cynicism as a fundamental dimension of moral decision-making: A scale development. Journal of Business Ethics, 34, 123–136. http://dx.doi.org/10.1023/A: 1012268705059

[8] - Leung, K., Ip, O. K. M., & Leung, K.-K. (2010). Social cynicism and job satisfaction: A longitudinal analysis. Applied Psychology, 59, 318–338. http://dx.doi.org/10.1111/j.1464-0597.2009.00392.x

[9] - Dahling, J. J., Whitaker, B. G., & Levy, P. E. (2009). The development and validation of a new Machiavellianism Scale. Journal of Management, 35, 219 –257. http://dx.doi.org/10.1177/0149206308318618

[10] - Wilson, D. S., Near, D., & Miller, R. R. (1996). Machiavellianism: A synthesis of the evolutionary and psychological literatures. Psychological Bulletin, 119, 285–299. http://dx.doi.org/10.1037/0033-2909.119.2.285

[11] - Stavrova, O., Ehlebracht, D. (2015). Cynical Beliefs About Human Nature and Income: Longitudinal and Cross-Cultural Analyses. Journal of Personality and Social Psychology. Advanced online publication. http://dx.doi.org/10.1037/pspp0000050

kopfvoll

Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmailFacebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail

Soziale Angststörung und -Phobie

kopfvoll - Angststörung

Soziale Angststörung und -Phobie

Der Mann in der Blase – Teil 1

 

Er hat es sich gemütlich gemacht in seiner Blase. So gut wie nichts dringt ein. Bis auf ein paar verschwommene Farben sieht er nur sich. Die Innenseite reflektiert. Bietet Sicherheit, solang er nur sich selbst sieht. Ab und zu wird er von einem hallenden Murmeln überrascht. Stimmen. Doch reagieren braucht er nicht. Sie sind (hoffentlich) nur ein Produkt seiner regen Fantasie. Wer sollte auch mit ihm sprechen? Es ist keiner dort, nur er. Und das ist auch gut so.

Es lebt sich sicherer in einer Blase. Wieso hat nicht jeder eine? Hat jeder eine?

 

kopfvoll - soziale phobie

Zehn bis dreizehn Prozent der Bevölkerung macht es sich mindestens einmal in Ihrem Leben gemütlich im tiefsten Inneren ihres einsamen Ichs. Soziale Angststörung bietet Schutz auf der einen Seite und schadet dem bereits vorbelasteten sozialen Umgang auf der anderen. Hauptaugenmerkt betroffener liegt in der oft unbegründeten Furcht, von anderen, zumeist fremden, Menschen in sozialen Situationen (negativ) bewertet zu werden. An soziale Interaktion ist meist nicht zu denken. Es kann weder in der Öffentlichkeit gegessen, noch unbelastet ein ruhiger Gedanke gefasst werden. Alles dreht sich um die Blicke und Gedanken Anderer. Der einzige Ausweg ist die soziale Abstinenz.

Als soziales Wesen, in Gruppen lebend, ist der Mensch zumeist vertraut mit dem Umgang unbekannter Gesichter. Er stellt sich drauf ein beobachtet, bewertet und kategorisiert zu werden. Unser Überleben ist (und war schon immer) abhängig von der Fähigkeit in wenigen Sekunden Gefahren von Ungefährlichem zu trennen. Besonders wichtig ist uns dabei zu bestimmen, wer in unserem sozialen Umfeld eine Gefahr darstellen könnte und wem wir unsere Ressourcen, Freunde, Familie etc. anvertrauen können. Es ist ein Mechanismus, den wir benutzen, um effizient durch unser vielseitiges Zusammenleben zu rangieren.

Soziale Interaktionen sind von solch einer großen Bedeutung in unserem Leben, dass bereits kleine Ansätze einer sozialen Phobie, bzw. einer sozialen Angststörung, in vielen Menschen dazu führt, dass sie geneigt sind sich auch Situationen zu entziehen, in denen Sie sich theoretisch wohl fühlen müssten. Trotz bester Vorbereitung und intensivstem Fachwissen, wird enorme Prüfungsangst empfunden. Das Vorstellungsgespräch wird bis auf den Tod gemieden, obwohl, wissend, kein anderer für die Stelle besser geeignet wäre. Die Deadline für die Abgabe der Arbeit wird mehrere Male verschoben, obwohl das Projekt fertig ist. Es scheitert an der reinen Abgabe, an dem kurzen Treffen mit einer Person, an dem Weg dorthin.

Soziale Phobie äußert sich in Verhaltensmustern, Denkmustern und physiologischen Symptomen.

Das alltägliche Leben wird darauf ausgelegt, die Chance in eine unkontrollierbare, unvorbereitete, soziale Situation zu geraten, möglichst gering zu halten. Statt eines Einkaufsbummels wird der Onlineshop vorgezogen. Der Kontakt mit dem Postboten ist schlimm genug. Anfragen für Treffen mit Freunden und Bekannten wird solange aus dem Weg gegangen, bis keine Anfragen mehr kommen. Von anderen Menschen abhängige Hobbies, Gruppenprojekte, Kollaborationen etc. werden vernachlässigt oder aktiv begraben.

Der Trieb, sich in einsamer Sicherheit zu wägen, verstärkt sich selbst. Je weniger mit anderen interagiert wird, desto seltener kommt es vor, dass man sich einredet, man würde bewertet werden. Andere Menschen denken nicht schlecht über einen selbst, wenn man sich ihren Blicken entzieht. Unabhängig davon, ob negative Gedanken anderer jemals verifiziert wurden oder sich anderweitig bewahrheitet haben.

Kommt es letztendlich doch zu einer unvorbereiteten sozialen Interaktion, lässt das Eintreten der Kampf/Flucht-Reaktion alle rationalen Gedankengänge außen vor und konzentriert sich ausschließlich auf die Bedrohung. Ein spontanes Gespräch, sei es nur ein Telefonat mit dem Pizza-Lieferservice, lässt betroffene Phobiker so sehr leiden, dass sie starke körperliche Reaktionen aufweisen. Schweißausbrüche, Herzrasen, Schwindel, schnelle-abrupte Sprache und fehlende Konzentration sind die dominantesten Reaktionen.

Da unser Körper und unser Denken versuchen aus jeder Situation zu lernen, um sich bei wiederholtem Male anpassen zu können, interpretieren betroffene vergangene Interaktionen. Die Tatsache, dass ihnen dabei schwindelig wurde, sie sich nicht ausdrücken konnten und sich absolut unwohl fühlten, ist Grund genug zu „lernen“ sich nicht wieder in solch eine Situation zu begeben. Körperliche Reaktionen werden von unserem Bewusstsein aktiv interpretiert als Reaktion auf Gefahrenumstände.

kopfvoll - soziale Phobie

Auslöser für eine soziale Phobie kann ein einfaches Erlebnis aus der Jugendzeit sein. Ein einmaliges Vorkommnis, in dem man in einer sozialen Situation im Mittelpunkt stand, bewertet wurde, ausgelacht wurde oder nicht nach seiner eigenen Vorstellung funktionieren konnte. Man hat sich selbst enttäuscht. Es können auch mehrere anhaltende negative Umstände dazu führen, dass soziale Situationen langsam aus der Wunschvorstellung eines perfekten Lebens gedrängt werden. Mehrere Instanzen, in denen fehlende Belohnung, grobe Enttäuschung (emotionaler Schaden, Verlust von Ressourcen) oder mangelnde Akzeptanz anderer, zur Vermeidung sozialer Interaktion führten.

Leidende wissen sich nicht selbst zu helfen. Der einzige Ausweg, der Weg in die Einsamkeit, ist oft verbunden mit dem Wunsch „normal“ zu sein. Sie wünschen sich, wie andere, gemeinsam ein Restaurant zu besuchen, die S-Bahn zu nehmen, vor Freunden einen Witz zu erzählen. Am komfortabelsten ist für viele ein Kommunikationsweg, der sie nicht zwingt sich unter die Blicke und den Einschätzungen anderer zu begeben. Briefkontakt, E-Mails und Chats sind anfänglich für viele Betroffene ein guter Einstieg in die erneute Zwischenmenschlichkeit. Es gibt ihnen Zeit Antworten zu bedenken. Es erspart ihnen wertende Blicke Fremder. Es basiert auf einer vertrauensvollen Ebene, da niemand mithört (NSA und andere Nachrichtendienste außen vorgelassen) und der Gesprächspartner frei gewählt wurde. Von diesem Punkt an ist ein nächster effektiver Schritt der Weg in die virtuelle Kommunikation mit Bild und Ton, bzw. nur Ton. Ein einfaches Telefonat oder eine Videokonferenz bieten die Sicherheit der eigenen Entscheidungen, bedeuten jedoch trotzdem Fortschritt in der eigenen Überwindung. Jederzeit kann einem Gespräch aus dem Weg gegangen oder ein bereits geführtes beendet werden und jederzeit kann erneut versucht werden ein weiteres Gespräch zu führen.


In weiteren Teilen werden die wichtigsten Faktoren einer sozialen Phobie/sozialen Angststörung aufgegriffen und erklärt:

 

Teil 2 – Die Meinung Anderer

 

Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmailFacebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail

Sozialer Status – Wer spendet mehr

Ehrenamtlich - andere Länder

Sozialer Status und Spenden

Wer mehr hat kann mehr geben, oder behält es lieber

 

Sie, liebe Leserschaft, entscheiden vorerst selbst. A oder B?

A: Reiche Menschen in guten sozialen Verhältnissen spenden verhältnismäßig mehr Geld, Zeit und Energie an gemeinnützige Zwecke als Menschen in schlechteren sozialen Verhältnissen.

B: Ärmere Menschen in schlechteren sozialen Verhältnissen spenden verhältnismäßig mehr Geld, Zeit und Energie an gemeinnützige Zwecke als Menschen in besseren sozialen Verhältnissen.

Wenn Sie beide Alternativen für denkbar halten, dann lassen Sie mich ein paar Gründe anführen, die Ihre Entscheidung noch weiter verunsichern wird:

Begründungen für A:

  • Höherer sozialer Status geht einher mit finanzieller Unabhängigkeit und damit auch mit der Möglichkeit sein Geld in verschiedenste Angelegenheiten zu investieren ohne Verlust zu befürchten.
  • Mehr Ressourcen zur Verfügung zu haben geht einher mit geringerer Existenzangst. Menschen mit mehr Geld und Zeit fürchten weniger um ihr Dasein und sind im Allgemeinen ausgeglichener.
  • Höherer sozialer Status erweckt Aufmerksamkeit von anderen sozial niedrigeren Schichten. Das eigene Ansehen kann mit dem Einsatz von Geld manipuliert werden (nicht-altruistisch).
  • Sozial höherer Status wird erreicht von sozial kompetenten Menschen, die gut Netzwerken und mit prosozialem Verhalten zwischenmenschliche Bindungen sichern. Sie spenden aus selbstlosen Gründen (altruistisch).

Begründungen für B:

  • Sozial niedrig gestellte Menschen sind stärker auf den sozialen Zusammenhalt in ihrer Umgebung angewiesen, spenden daher mehr von ihren Ressourcen an andere.
  • Schlechtere soziale Verhältnisse bedeuten stressvollere Lebensumstände und höhere Anfälligkeit für gefährliche Umwelteinflüsse. Die Abhängigkeit von anderen wird als Grund erlebt, um sich mehr für andere eizusetzen.
  • Fehlende ökonomische Unabhängigkeit verleitet zu prosozialem Verhalten „andere können mit besser helfen als ich mir selbst helfen kann“.
  • Wer wenig hat, weiß wie wichtig teilen ist. Teilen, in sozial niedrigen Schichten, lässt den Faktor der Zufriedenheit in den Vordergrund rücken. Zusammenhalt stärkt die Psyche und macht glücklich.

Klingt plausibel? Ist es auch. Sogar die Wissenschaft weiß sich nicht mehr so genau zu helfen und findet für beide Möglichkeiten „Beweise“. Für jeden dieser Gründe gibt es bereits Studien aus wissenschaftlichen Bereichen, welche die Gründe belegen, dass Menschen tatsächlich prosoziales Verhalten an den Tag legen, weil sie (A) entweder sozial besser gestellt sind oder weil sie (B) sozial benachteiligt sind.

Wie sollen wir nun, als nicht-akademische Außenseiter, entscheiden, ob wir reich werden sollen oder nicht? Woher können wir die Sicherheit nehmen mehr spenden zu wollen, wenn wir nicht einmal wissen, ob wir unser angehäuftes Geld nicht lieber behalten wollen würden?  Benzin ist teuer. Der Lexus darf nicht aufhören uns zu fahren. Noch schlimmer, er fährt sich nicht von selbst.

Zu unserer Rettung haben sich drei Herren auf die Suche nach der absoluten Antwort begeben (Universität Leipzig - Martin Krondörfer und Johannes Gutenberg Universität in Mainz - Boris Egloff und Stefan Schmukle). Ihre Ergebnisse werden besonders die B-Wähler unter uns überraschen.

Mit Hilfe von 8 gut durchdachten und statistisch exzellent ausgewerteten Experimenten haben sie eine relativ starke Kongruenz in Ihren Antworten gefunden.

Menschen in sozial besseren Verhältnissen verhalten sich prosozialer als Menschen in schlechteren sozialen Verhältnissen. Bessergestellte spenden mehr Geld, spenden mehr Zeit und setzen mehr Energie in freiwillige Arbeit ein als schlechter gestellte.

Hier die einzelnen Ergebnisse der acht Studien in Form von Darstellungen. Sie dürfen Ihr Leseverständnis nun auf Minimum herunterfahren und sich auf die Bildchen und den Kaffeepot vor Ihnen konzentrieren. Die horizontale Achse stellt die sozialen Klassen dar. Von -3 (sozial niedrigste Schicht = arm) bis 3 (sozial höchste Schicht = reich). Die vertikale Achse stellt prozentual das untersuchte Verhalten der jeweiligen Gruppen dar.

Studie 1 – Spendenverhalten in Deutschland

Je besser die sozialen Umstände, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen spenden (in Deutschland).
Spenden in Deutschland

Je besser die sozialen Umstände, desto mehr und öfter wird gespendet.  Beachte: Betrachtet man nur die Haushalte, die spenden, fällt eine U-förmige Kurve auf
Spendenverhalten Deutschland

Studie 2 – Spendenverhalten in den USA

Auch in den USA gilt: je besser die sozialen Umstände, desto öfter wird gespendet:
Spendenverhalten USA

Anders sieht es jedoch aus bei den Beträgen der Spenden:
Spendenverhalten USA

Studie 3 – Subjektive Einschätzung sozialer Klasse

Menschen schätzen ihren objektiven sozialen Status subjektiv ein. Der Unterschied zwischen Selbsteinschätzung (gestrichelte Linie) und objektiven Faktoren (durchgezogene Linie) in der Wahrscheinlichkeit zu spenden:
Subjektive Einschätzung

Gleiches für die Häufigkeit der Spenden:
Subjektive Einschätzung

 

Studie 4 – Freiwillige/ehrenamtliche Arbeit (Deutschland)

Je höher der soziale Status, desto wahrscheinlicher wird geholfen:Ehrenamtlich

Auch bei der Häufigkeit freiwilliger Hilfsarbeit gilt das gleiche:
Ehrenamtlich

Studie 5 – Freiwillige/ehrenamtliche Arbeit (USA)

Leicht gekurvt, dennoch gleiche Tendenz. Je besser der soziale Status, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass freiwillig geholfen wird:
Ehrenamtlich USA

Zwischen dem objektiv feststellbarem sozialen Status und dem subjektiv eingeschätzten Status gibt es hinsichtlich der Frage „Wie wahrscheinlich wird geholfen?“ nur geringe Unterschiede:
Ehrenamtlich USA

Studie 6 – Freiwillige/ehrenamtliche Arbeit (30 andere Länder)

Wir sehen, auch in anderen Ländern dieser Welt gilt der gleiche Trend:

Ehrenamtlich - andere Länder

Studie 7 – Hilfeleistung im Alltag (Befragung)

Mit einer starken Zunahme im sozial schlechter gestellten Bereich, sieht man eine Stagnation im Anstieg des Hilfeverhaltens bei sozial besser gestellten Menschen:alltägliche Hilfe

 

Studie 8 – Hilfeleistung im Alltag (Spiel-Theorie)

Mit Hilfe eines Ressourcenspiels (Spieler erhalten imaginäre Ressourcen und haben die Wahl diese aufzuteilen oder zu behalten) wurde ein gleichwertiges Ergebnis erzielt. Je höher der soziale Status, desto wahrscheinlicher werden Ressourcen verteilt:
Alltägliche Hilfe

 

Korndörfer, Egloff und Schmuckle (2015) haben mit ihren acht Untersuchungen einheitliche Ergebnisse erzielen können:

Wer mehr hat, gibt mehr ab.


Korndörfer M, Egloff B, Schmukle SC
(2015) A Large Scale Test of the Effect of Social
Class on Prosocial Behavior. PLoS ONE 10(7):
e0133193. doi:10.1371/journal.pone.0133193

Editor: MariaPaz Espinosa, University of the Basque
Country, SPAIN
Received: November 5, 2014
Accepted: June 23, 2015
Published: July 20, 2015
Copyright: © 2015 Korndörfer et al. This is an open
access article distributed under the terms of the
Creative Commons Attribution License, which permits
unrestricted use, distribution, and reproduction in any
medium, provided the original author and source are
credited.

Data Availability Statement: All data necessary to
replicate the findings for studies 2, 3, 5, 6 and 7 are
available as Supporting Information. Data from
studies 1, 4 and 8 are available from the German
SOEP project due to third party restrictions (for
requests, please contact soepmail@diw.de).
Moreover, we provide the syntax we used for all our
statistical analyses as Supporting Information.
Funding: The authors acknowledge support from the
German Research Foundation (DFG) and the
University of Leipzig within the program of Open
Access Publishing.


 

Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmailFacebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail

5-Seitige Persönlichkeit, Faktorenanalyse und Grindcore

KOPFVOLL - Persönlichkeit

 

In der Umgangssprache beschreiben wir Persönlichkeitsmerkmale mit einer Anzahl von Adjektiven.

„Was für ein toller Kerl, immer freundlich und bei der Sache. Nur schade, dass er unter fremden Menschen so komisch ist.“

Ganz davon abgesehen, dass Persönlichkeit keine statische Struktur hat und sich mit der Zeit ändert, geben wir uns mit solch einer Art Beschreibung zufrieden. Vielmehr muss man auch gar nicht erwähnen, um die wichtigsten Merkmale des komplett in schwarz gekleideten Nachbarsjungen zu verbildlichen. „Pubertät macht nun einmal anders.“ Könnte man noch hinzufügen.

Wie sich aber seit dem 19. Jahrhundert herausgestellt hat, können wir sämtliche Arten verschiedenster Persönlichkeiten anhand von 5 Merkmalen, auch Faktoren genannt, beschreiben. Mit einer Reihe von Wörterbüchern haben sich zwei  Wissenschaftler (Allport und Odbert) 1936 zusammengesetzt, ihre lieblings-Playlists in WinAmp in einer Endlosschleife gespielt und dabei knapp über 4500 Adjektive aus der immensen Anzahl an Wörtern im ordinären Sprachgebrauch aussortiert.

Mit dem Gedanken, dass die prägnantesten Merkmale unserer Persönlichkeiten die größte Anzahl an Wörtern im alltäglichen Sprachgebrauch haben müssten, konnten Sie damit den Grundstein legen für das, was wir heute das 5-Faktoren-Model der Persönlichkeit nennen. Über mehrere Instanzen wurde aus den ursprünglichen viereinhalb-tausend Wörtern, durch systematisches Zusammenführen von ähnlichen Begriffen und dem Löschen von Synonymen, eine Liste von ca. 170 Wörtern erarbeitet.

Dieses Vorgehen nennt sich Faktorenanalyse und dient dazu aus einer großen Anzahl von Variablen (Wörter, Eigenschaften, Klänge, Schafe), eine sehr viel kleinere Anzahl zu machen, ohne dabei Informationsgehalt, bzw. Aussagekraft, zu verlieren. Wenn wir uns einmal fragen, was Intelligenz ausmacht, so wie es ein gewisser Herr Charles Spearman im frühen 20. Jahrhundert getan hat, kommen wir auf eine enorm große Anzahl an Wörtern für die Eigenschaft „intelligent“. Viele Merkmale, die wir jemandem anrechnen würden, den wir als intelligent bezeichnen, können auch beschreibend sein für eine andere Eigenschaft.  Wie also kann man die Anzahl minimieren, ohne die wichtigsten Aspekte von intelligentem Verhalten/Denken zu verlieren?

Ähnlich wie es die Protagonisten in unserem Beispiel der 5 Persönlichkeitsmerkmale getan haben, müssen wir von einer Ausgangsmenge die aussagekräftigsten zusammenführen, bzw. herausfiltern.  In einem sehr hypothetischen Fall könnten wir analysieren, was die Grundmerkmale von Popmusik sind. Dazu würden wir uns die Top-10, Top-50 oder Top-100 Charts aus einer bestimmten Zeitspanne, zum Beispiel 1995 bis 2015 (20 Jahre), zur Hand nehmen und schauen, welche klanglichen und/oder sprachlichen Eigenschaften (abhängig davon, woran wir in unserer Untersuchung interessiert sind) öfter vorkommen als andere. Diesen Prozess würden wir solange fortführen, bis wir eine geeignete Anzahl an Beschreibungen herausgearbeitet hätten. Um genau zu wissen, ob wir zu viele oder zu wenige Eigenschaften aussortiert haben, bräuchten wir jemanden mit einer dicken Hornbrille, der uns bei der komplexen statistischen Analyse behilflich sein kann. Grundsätzlich können wir jedoch, auch mit der soeben beschriebenen simplen Form, festmachen, was die wichtigsten Merkmale aus der Popmusik von 1995 bis 2015 sind. Wir könnten natürlich auch einfach das Radio einschalten und nach 10 Minuten zuhören unsere Strichliste auswerten: „Bitch“ = 68mal, „Ho“ = 31mal, „Baby“ = 48mal, „intergalacticspacesexmutant“ = 1mal. Eine große Aussagekraft wird solch eine Kurzanalyse aber nicht haben.

Zurück zu unserer Persönlichkeit.

KOPFVOLL - Persönlichkeit

Nach jahrelanger Diskussion und verschiedensten Analysen, ist sich die Wissenschaft seit den 80er Jahren einig, die Vielfalt unserer Persönlichkeitsmerkmale kann anhand von nur 5 Faktoren beschrieben werden:

  1.       „Openness to experience“ - Offenheit für Erfahrungen
  2.       „Conscientiousness“ - Gewissenhaftigkeit
  3.       „Extraversion“ - Extraversion
  4.       „Agreeableness“ - Verträglichkeit
  5.       „Neuroticism“ - Neurotizismus

Jeder dieser Faktoren bildet ein eigenes Spektrum. Wir können also nicht nur die Frage stellen, ob jemand Gewissenhaft ist oder nicht, sondern auch wie stark Gewissenhaftigkeit in seiner Persönlichkeit eingebettet ist (von „wenig“ bis „sehr“, von „gar nicht“ bis „völlig“, von „ist mir egal“ bis „erzähl mir mehr“).

Offenheit für Erfahrungen ist ein relativ selbsterklärendes Spektrum. Wenn wir auch mal bereit sind Oktopus, anstelle von Grießbrei, nach unserem Hauptgang bei Tante Gerda zu probieren, dann können wir uns als erfahrungsoffene Menschen bezeichnen. Auch ein Opernbesuch als Grindcore-Fan könnte man als solches einstufen, wobei wir davon ausgehen können, dass auch Operncore bereits in einem muffig riechenden Proberaum, irgendwo im Vorraum der Hölle, praktiziert wird. Dementgegen, auf dem anderen Ende des Spektrums, befinden sich Menschen mit einer Persönlichkeit, die es ihnen sehr viel seltener zulässt auch mal etwas Neues auszuprobieren. Solche Menschen wägen sich gern in der Sicherheit des bekannten und sind nur schwer davon zu überzeugen mit in die neue Szenebar  zu kommen, um sich mit Alkoholdampf einen anzu…atmen.

Gewissenhaftigkeit ist die Tugend der (Selbst)Disziplin. Gewissenhafte Menschen erledigen Aufgaben fristgerecht und in möglichst exzellenter Qualität. Wenn sie nicht gerade damit sind beschäftigt den morgigen Duschgang in Google-Calender einzutragen, lassen sie sich (erfolglos) von ihren weniger gewissenhaften, dafür sehr viel spontaneren, Mitmenschen überzeugen mit auf einen Campingtrip im Teuteburger Wald zu kommen. Ohne Zelt.

Extraversion, das Gegenteil von Introversion, ist die Eigenschaft von einigen unter uns sich mit jedem noch so fremden Menschen in abstrusesten Situationen auf freundlicher Ebene unterhalten zu können. Auf der Geburtstagsfeier der Cousine sind das diejenigen, die nach einer halben Stunde jeden kennen, mit jedem high-fiven und auf fünf weitere Geburtstage von anderen Cousinen eingeladen werden. Ein Teufelskreis des sozialen Umgangs sozusagen. Ihre fernen Nachbarn, die Introvertierten, schätzen als abendliche Aktivität mehr einen Pfefferminztee und die neueste NDR-Dokumentation über die bedrohte Euphorbia Leuconeura (eine Pflanze, die ihre Samen durch die Gegend schießt) in Madagascar.

Verträglichkeit ist das Merkmal einer Person, die umgänglich und offen mit seinen Mitmenschen zusammenlebt. Dieser Faktor ähnelt der Extraversion, geht aber mehr auf eine emotionale Ebene ein. So haben verträgliche Persönlichkeiten Mitgefühl mit den Freuden und Leiden anderer. Auch selbstloses Verhalten (Altruismus) ist bei stark verträglichen Menschen öfter zu beobachten. Weniger verträgliche Personen zweifeln eher an anderen und neigen dazu ihre eigene Meinung durchsetzen zu wollen. So kann der freundliche Mitstudent, dem alles recht ist und der nie etwas auszusetzen hat an den Aussagen anderer, auch mal gehörig nerven, weil er rückgratlos alles anzunehmen scheint. Generell kann aber davon ausgegangen werden, dass verträgliche Menschen, so wie der Name es selbst schon sagt, besser von anderen aufgenommen wird. Bei längerfristigen Beziehungen oder intensiver Philosophischer Debatten über die Sinnhaftigkeit cartesianischen Zweifels kann aber auch ein weniger verträglicher, dafür närrisch seine Meinung vertretender Mitstreiter vorgezogen werden. Jedem das seine.

Neurotizismus ist der dunkelste aller Faktoren, zumindest auf einer Seite seines Spektrums. Personen mit einem hohen Grad an Neurotizismus neigen dazu in negativen Emotionen zu baden und tendenziell anfälliger zu sein für „mentale Unglücke“.  Individuen mit starkem Neurotizismus kommen oftmals daher mit negativ geprägten Denkmustern. Positive Erfahrungen glänzen im Licht einer geplatzten Glühbirne, wohingegen negative Erfahrungen noch einmal, zweimal, dreimal umgedreht und genau unter die Lupe genommen werden. Auf dem gegenüberliegenden Ufer dieses Spektrums liegen Menschen auf Handtüchern mit Aufdrucken wie „Life’s good“ oder „Ich chill, wenn ich will“. Als sicher im Leben stehende, mit sich selbst zufrieden seiende Menschen geht es denen mit niedrigem Neurotizismus-Anteil im Schnitt besser als ihren trostlosen Kollegen.

An dieser Stelle ist zu betonen, dass selten Menschen auf der extremen Seite des Spektrums eines Persönlichkeitsmerkmals landen. Die meisten von uns befinden sich irgendwo zwischen beiden Extremen, haben aber generelle Tendenzen in eine bestimmte Richtung.

Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmailFacebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail