Hilft es darüber zu sprechen?

 

kopfvoll psychologische Beratung

 

Aus Erfahrung wissen wir, der Großteil unserer Freunde, Bekannte und Familie schreibt die eigenen Gedanken und Gefühle nicht wirklich auf. Viel lieber reden wir darüber. Wenn wir etwas emotionales erlebt haben, ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir darüber mit anderen Menschen reden möchten und auch werden, 80-100% [Rimé, Philippot, Boca & Mesquita, 1992; Rimé, Finkenauer, Luminet, Zech, & Philippot, 1998].

Nach einem intensiven Erlebnis spüren wir den Drang uns Anderen mitzuteilen. Wir möchten unsere Empfindungen kommunizieren. Dabei ist es ersteinmal eine Frage, warum wir das tun? Offensichtlich hat diese Art von Verhalten, über Dinge sprechen, die uns bewegen, einen oder mehrere Vorteile für uns. Der wichtigste Grund, der uns offensichtlich erscheint, ist emotionale Heilung. Wir sind verletzt, betrübt, enttäuscht, traurig oder alles zugleich und wollen in vielen Fällen mit jemandem darüber reden, dem wir vertrauen. In der Regel ist das ein guter Freund, die Schwester, der Pfarrer oder der eigene Hund. Uns vertraute Menschen schlüpfen dann nicht selten in die Rolle des empathischen mitfühlenden Gegenübers, der Sicherheit und Halt bietet. An sich ist das natürlich und absolut verständlich, doch bringt es wirklich den Effekt, dass wir uns danach besser fühlen? Nachdem wir gehört, verstanden und getröstet wurden?

90% aller Menschen in unseren Kulturkreisen glauben an eine heilende Wirkung, wenn sie mit den Liebsten über ihre emotionalen Erfahrungen sprechen. So ja auch ein wichtiger Ansatz in vielen Formen der Therapie. Kann sich nun aber durch einen Laien in Sachen emotionaler Heilung durch simples “Für den Anderen Da-Sein” ein positiver Effekt einstellen?

Darüber reden und negativen Emotionen ein Ventil geben, um Druck abzulassen, ist bekanntermaßen hilfreich, wenn man sie nicht im Inneren verstauen möchte. Man lässt sie schnell raus und ist sie dann los. So funktionieren jedenfalls viele therapeutische Angebote in der Bewältigung von post-traumatischer Belastungsstörung. Direkt nach dem Ereignis nicht nur darüber reden was passiert ist, sondern ganz besonders auch, wie es einem dabei und damit ging, bzw., geht.

Leider haben Untersuchungen nach der Wirkung und der Effizienz von solchen Gesprächsangeboten keine unterstützenden Ergebnisse aufzeigen können. Direkt nach einem Ereignis über die eigenen Gefühle sprechen scheint keineswegs hilfreich zu sein. Ganz im Gegenteil, einige Ergebnisse weisen auf die Gefahr hin, emotionale Genesung können gebremst werden durch ein verfrühtes Darüber-Reden [Arendt & Elklit, 2001; Rose & Bisson, 1998; Van Emmerik, Kamphuis, Hulsbosch, & Emmelkamp, 2002].
Zwei kluge Köpfe, Emmanuelle Zech und Bernard Rimé von der University of Louvain, Belgien haben es sich zur Aufgabe gemacht herauszufinden, ob und wie das Sprechen über ein emotionales Erlebnis zu emotionaler Genesung führen kann. Dazu haben sie 2005 zwei Experimente durchgeführt.

Im ersten Experiment haben sie versucht Unterschiede zwischen zwei Arten zu finden, auf die wir uns mitteilen. Die erste ist ein emotionaler Austausch, in dem es darum geht, wie wir uns fühlen. Die zweite ist eine faktische Abhandlung von was auch immer passiert ist. Damit ist die zweite Art über intensive Erfahrungen zu sprechen ausgerichtet auf die Ereignisse ohne Gefühle und die erste Art ist das Sprechen über die eigenen Gefühle, ohne spezifisch auf Ereignisse einzugehen. Eine alltägliche Konversation verbindet sicherlich stets beide Komponenten. Grundlegend ist aber, abhängig von Gesprächspartner und Situation, sind nach aufregenden Erlebnissen eher das Gefühl und die Emotion das Gesprächsthema und weniger die Fakten.

Die Ergebnisse des ersten Experiments sind, nachdem Leute durch Gespräche über Tod, Krankheit, Beziehungsproblemen, Missbrauch und dergleichen begleitet wurden, eindeutig, wenn auch paradox. Übrigens konnten sich die Teilnehmer selbst aussuchen, worüber sie sprechen wollten und konnten das Experiment jederzeit abbrechen. No harm done. Es kam nun heraus, dass sich Leute, die intensiv über ihre Emotionen sprechen durften, kurze Zeit und auch zwei Monate nach dem Eperiment besser fühlten. Sie gaben an emotional mehr geheilt zu sein als die Teilnehmer, die über die faktische Abhandlung des Ereignisses sprachen. Am wenigsten hatten die Teilnehmer in der Kontrollkondition von den Gesprächen. Sie waren angewiesen über keine besonderen Ereignisse zu sprechen und lediglich einen ganz normalen Tag in ihrem täglichen Leben zu beschreiben.

Soweit sind die Ergebnisse verständlich und auch genau das, was wir erwarten würden. Das widersprüchliche daran kommt jetzt. Neben den eigenen Empfindungen der Teilnehmer haben Zech und Rimé getestet, ob außer der Aussage der Leute wirklich Anzeichen für eine stärkere emotionale Genesung bei ihnen zu verzeichnen ist. Dem scheint leider nicht so.
Die meisten Antworten aus den Fragebatterien zu verschiedenen Faktoren zeigen keine Verbesserung des emotionalen Zustandes in Bezug zu dem Ereignis, über das gesprochen wurde. Das einzige, was positiv beeinflusst wurde ist der eigene Glaube etwas durch die Gespräche verbessert zu haben. Das ist, was das erste Experiment lieferte. Wir glauben zwar, wir fühlten uns besser, nachdem wir darüber geredet haben, in wirklichkeit verhalten wir uns aber weiterhin so, als hätten wir nie drüber gesprochen. Für das tatsächliche Wohlbefinden spielt es keine Rolle, ob wir emotionale Gespräche oder faktisch Gespräche oder eben gar keine Gespräche führen. Wir denken aber es wäre wichtig. Bitte behaltet im Hinterkopf, diese Ergebnisse beziehen sich auf die Studie von Zech und Rimé und stellen nicht den Anspruch mehr zu sagen, als was die Ergebnisse zeigen.

Im zweiten Experiment wurde eine nicht weniger interessante Frage beantwortet. Müssen wir zwangsläufig, um emotional genesen zu wollen, über das spezifische Ereignis sprechen, das uns verletzt hat oder ist es ebenso gut möglich über andere emotionale Ereignisse zu sprechen, die mit dem eigentlichen Ereignis nichts zu tun haben?

In den dafür durchgeführten 658 Interviews wurde eine Sache sehr deutlich. Die Teilnehmer, die am wenigsten an das emotionale Ereignis dachten, konnten am meisten genesen. Bei den anderen Konditionen war es egal, ob über das spezifische Ereignis gesprochen wurde oder über ein anderes willkürliches. Beide Arten hatten gleich wenig Einfluss auf den emotionalen Zustand danach. Das einzige, was wirklich konstant und effektiv geholfen hat, war das simple Verstreichen der Zeit.

Hilft es darüber zu sprechen?

Alle Ergebnisse der Studie aus Belgien lassen vermuten, alles was wir tun müssen, um mit einschneidenden negativen Erlebnissen umgehen zu können, ist Abwarten.


Quellen:


Dustin Jaros
Dustin Jaros

Mein Name ist Dustin Jaros, ich bin Psychologe und arbeite in der psychosozialen Betreuung. Menschen profitieren von meiner Beratung über das Internet (Skype, E-Mail, Spreed) und via Telefon. Damit sind sie oft örtlich unabhängig und können auch ohne viel Aufwand meine Beratung wahrnehmen. Meine Gesprächspartner genießen meine offene, ehrliche und authentische Art. Für Kopfvoll mache ich Fotos, schreibe Texte und kümmere mich um die sozialen Medien (Instagram: @kopfvoll / Facebook: k0pfv0ll).