Dr. Masahiro Mori und das "Unheimliche Tal"

Lebensechte Roboter erzeugen Abneigung

Bereits als Kind haben ihn Roboter fasziniert. In seiner Jugendzeit hat er etliche davon selbst gebaut und programmiert. Masahiro Mori, ein im Jahre 1927 geborener Japanischer Wissenschaftler und Roboter-Experte, hat eine besonders interessante Beobachtung gemacht.
In seinen experimentellen Projekten war Mori jederzeit bestrebt funktionale Aspekte mit moderner Technik zu verbinden. Der Sinn seiner Apparaturen lag nicht nur im technischen Aspekt möglichst gut eine Aufgabe zu erledigen, die dem menschlichen Besitzer Arbeit abnehmen sollte. Auch äußerlich wollte Mori seinen Robotern mehr Leben einhauchen.

Seine Freunde, Bekannte und Kollegen fanden seine Erfindungen durchweg praktikabel und anfänglich auch extrem "niedlich", "süß" oder "sympathisch". Es waren einfache Roboter, die eine menschliche Aufgabe erledigen konnten, Maschinen mit Zweck. Erstaunlicherweise änderte sich die Einstellung seiner Folger zunehmend, je mehr Mori seinen Robotern äußerliche Menschlichkeit einhauchte. Er begann seinen Konstruktionen menschliche Formen zu geben, überzog sie mit künstlicher Haut, gab ihnen teilweise sogar menschliche Gestik. Sein Fokus lag nicht mehr nur auf einer Apparatur, die möglichst effektiv seiner im voraus bestimmten Aufgabe nachging. Er wollte ihnen Ästhetik mit auf den Weg geben.
In diesem Prozess, und auf Grund der Reaktionen seines sozialen Umfelds, machte er die für die Roboter- und Computertechnik wichtige Beobachtung, dass zu menschenähnliche Roboter keine positiven Emotionen auslösen, sondern überwiegend eine Art Abneigung erzeugen. Das auf den Namen "Uncanny Valley - Unheimliches Tal" getaufte Phänomen ist wie folgt zu verstehen:

Zeichnet man ein zweidimensionales Diagramm und trägt auf der X-Achse (horizontal) die prozentuale Ähnlichkeit zu einem gesunden Menschen ab und auf der Y-Achse (vertikal) das Gefühl von Vertrautheit, dass wir gegenüber einer Maschine/eines Roboters erfahren, so beobachten wir keinen geradlinigen oder gleichmäßigen Kurvenverlauf.

kopfvoll - uncanny valley

Bei unbewegten Gegenständen oder Apparaturen steigt unser Gefühl der Vertrautheit gegenüber eines immer mehr menschlich oder lebendig werdenden "Gegenstands" relativ gleichmäßig an. Im Beispiel der grafischen Darstellung (Wikipedia) wird ein ausgestopftes Tier als erster Höchstwert in der Vertrautheit angegeben, bevor die Kurve rapide abfällt. Analog zu der steigenden Ähnlichkeit zum Menschen und damit der realitätsgetreuen Nachbildung eines natürlichen Lebewesens, sinkt unsere Sympathie gegenüber dieses Objekts stark ab. Der größte Negativwert für unbewegte Dinge in der Darstellung steht vergleichend für das Gefühl, dass eine Leiche in uns erweckt.

So absurd das auch klingen mag, ergibt es bei näherer Betrachtung Sinn. Aus unserer lebenslangen Erfahrung im Umgang mit Menschen, sind wir es gewohnt sich bewegende, aktive, handelnde Körper wahrzunehmen. Es widerstrebt unseren Erwartungen eine leblose, unbewusste menschliche Hülle zu sehen, die, wie wir kaum fassen können, nicht mehr reagieren wird.

Ausgehend von dem Tiefpunkt, dem "unheimlichen Tal", steigt mit weiterhin zunehmender Realitätstreue auch erneut unser Gefühl der Vertrautheit. Am äußersten rechten Punkt der X-Achse, bei 100 prozentiger Menschlichkeit, finden wir uns, die nicht-roboter. Keine Leiche, kein ausgestopftes Tier.

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Gleiches können wir natürlich auch mit beweglichen Objekten tun. Dabei wird der paradoxe Effekt des unheimlichen Tals noch deutlicher. Mit stärkeren positiven, sowie negativen, Ausprägungen der Kurve wird der Bereich noch deutlicher, in dem wir uns unwohl im Umgang mit zu menschlichen und gleichzeitig nicht genügend menschlichen, Robotern befinden.

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Am Anfang des Graphen befinden sich industrielle Roboter, wie zum Beispiel die Fertigungsarme in einer Automobilproduktion. Mit steigender Ähnlichkeit zum Menschen steigt auch hier wieder unsere Sympathie gegenüber solchen Maschinen, aber nur bis zu einem bestimmten Punkt. Wird ein Roboter zu menschlich, ohne perfekt menschlich zu sein, erweckt er ein Gefühl der Abneigung und des Unwohlseins in uns. Der Tiefpunkt des Tals wird in vielen Analogien verdeutlicht mit dem Bildnis eines Zombies. Ein äußerlich ziemlich hässlicher, aber dennoch lebensechter Körper. Im physischen, sowie mentalen, Inneren ein lebloser blutlüstiger Killer. Am äußersten Punkt der X-Achse, bei 100 prozentiger Ähnlichkeit zum Menschen, befinden sich logischerweise wieder tatsächliche Menschen mit Leib und Seele. 

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Das in blau dargestellte Tal ist der Bereich, in dem Maschinen, Roboter und Geräte ein Bereich der Menschlichkeit erreichen, mit dem wir uns als Nutzer unwohl füheln. Besonders wichtig ist diese Beobachtung für Hersteller von technischen Geräten und Produzenten von Grafikgesteuerten Computersystemen (Software). Letzteres wird sehr spezifisch deutlich, betrachtet man moderne Computerspiele. Entwickler haben stets die Wahl zwischen einer karikaturistischen, dafür äußerlich weniger lebensechten, Darstellung von Spielfiguren (Mario, Link, Sonic) oder einer möglichst fotorealistischen Darstellung (Gordon Freeman, Lara Croft, Charaktere aus Counter-Strike).

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Nicht weniger wichtig ist die Konzeptualisierung von menschlichen Eigenschaften in der Entwicklung von alltäglichen technischen Gegenständen. Ein humanoider Roboter mit pseudorealistischer Mimik als Ticketautomat wäre zwar ein technisches Meisterwerk, würde aber eher abschrecken und zum Schwarzfahren anregen, als dem Benutzer ein erfreuliches Ticket-Kauf-Erlebnis zu garantieren.

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Dustin Jaros
Dustin Jaros

Mein Name ist Dustin Jaros, ich bin Psychologe und arbeite in der psychosozialen Betreuung. Menschen profitieren von meiner Beratung über das Internet (Skype, E-Mail, Spreed) und via Telefon. Damit sind sie oft örtlich unabhängig und können auch ohne viel Aufwand meine Beratung wahrnehmen. Meine Gesprächspartner genießen meine offene, ehrliche und authentische Art. Für Kopfvoll mache ich Fotos, schreibe Texte und kümmere mich um die sozialen Medien (Instagram: @kopfvoll / Facebook: k0pfv0ll).