In der Umgangssprache beschreiben wir Persönlichkeitsmerkmale mit einer Anzahl von Adjektiven.

„Was für ein toller Kerl, immer freundlich und bei der Sache. Nur schade, dass er unter fremden Menschen so komisch ist.“

Ganz davon abgesehen, dass Persönlichkeit keine statische Struktur hat und sich mit der Zeit ändert, geben wir uns mit solch einer Art Beschreibung zufrieden. Vielmehr muss man auch gar nicht erwähnen, um die wichtigsten Merkmale des komplett in schwarz gekleideten Nachbarsjungen zu verbildlichen. „Pubertät macht nun einmal anders.“ Könnte man noch hinzufügen.

Wie sich aber seit dem 19. Jahrhundert herausgestellt hat, können wir sämtliche Arten verschiedenster Persönlichkeiten anhand von 5 Merkmalen, auch Faktoren genannt, beschreiben. Mit einer Reihe von Wörterbüchern haben sich zwei  Wissenschaftler (Allport und Odbert) 1936 zusammengesetzt, ihre lieblings-Playlists in WinAmp in einer Endlosschleife gespielt und dabei knapp über 4500 Adjektive aus der immensen Anzahl an Wörtern im ordinären Sprachgebrauch aussortiert.

Mit dem Gedanken, dass die prägnantesten Merkmale unserer Persönlichkeiten die größte Anzahl an Wörtern im alltäglichen Sprachgebrauch haben müssten, konnten Sie damit den Grundstein legen für das, was wir heute das 5-Faktoren-Model der Persönlichkeit nennen. Über mehrere Instanzen wurde aus den ursprünglichen viereinhalb-tausend Wörtern, durch systematisches Zusammenführen von ähnlichen Begriffen und dem Löschen von Synonymen, eine Liste von ca. 170 Wörtern erarbeitet.

Dieses Vorgehen nennt sich Faktorenanalyse und dient dazu aus einer großen Anzahl von Variablen (Wörter, Eigenschaften, Klänge, Schafe), eine sehr viel kleinere Anzahl zu machen, ohne dabei Informationsgehalt, bzw. Aussagekraft, zu verlieren. Wenn wir uns einmal fragen, was Intelligenz ausmacht, so wie es ein gewisser Herr Charles Spearman im frühen 20. Jahrhundert getan hat, kommen wir auf eine enorm große Anzahl an Wörtern für die Eigenschaft „intelligent“. Viele Merkmale, die wir jemandem anrechnen würden, den wir als intelligent bezeichnen, können auch beschreibend sein für eine andere Eigenschaft.  Wie also kann man die Anzahl minimieren, ohne die wichtigsten Aspekte von intelligentem Verhalten/Denken zu verlieren?

Ähnlich wie es die Protagonisten in unserem Beispiel der 5 Persönlichkeitsmerkmale getan haben, müssen wir von einer Ausgangsmenge die aussagekräftigsten zusammenführen, bzw. herausfiltern.  In einem sehr hypothetischen Fall könnten wir analysieren, was die Grundmerkmale von Popmusik sind. Dazu würden wir uns die Top-10, Top-50 oder Top-100 Charts aus einer bestimmten Zeitspanne, zum Beispiel 1995 bis 2015 (20 Jahre), zur Hand nehmen und schauen, welche klanglichen und/oder sprachlichen Eigenschaften (abhängig davon, woran wir in unserer Untersuchung interessiert sind) öfter vorkommen als andere. Diesen Prozess würden wir solange fortführen, bis wir eine geeignete Anzahl an Beschreibungen herausgearbeitet hätten. Um genau zu wissen, ob wir zu viele oder zu wenige Eigenschaften aussortiert haben, bräuchten wir jemanden mit einer dicken Hornbrille, der uns bei der komplexen statistischen Analyse behilflich sein kann. Grundsätzlich können wir jedoch, auch mit der soeben beschriebenen simplen Form, festmachen, was die wichtigsten Merkmale aus der Popmusik von 1995 bis 2015 sind. Wir könnten natürlich auch einfach das Radio einschalten und nach 10 Minuten zuhören unsere Strichliste auswerten: „Bitch“ = 68mal, „Ho“ = 31mal, „Baby“ = 48mal, „intergalacticspacesexmutant“ = 1mal. Eine große Aussagekraft wird solch eine Kurzanalyse aber nicht haben.

Zurück zu unserer Persönlichkeit.

KOPFVOLL - Persönlichkeit

Nach jahrelanger Diskussion und verschiedensten Analysen, ist sich die Wissenschaft seit den 80er Jahren einig, die Vielfalt unserer Persönlichkeitsmerkmale kann anhand von nur 5 Faktoren beschrieben werden:

  1.       „Openness to experience“ - Offenheit für Erfahrungen
  2.       „Conscientiousness“ - Gewissenhaftigkeit
  3.       „Extraversion“ - Extraversion
  4.       „Agreeableness“ - Verträglichkeit
  5.       „Neuroticism“ - Neurotizismus

Jeder dieser Faktoren bildet ein eigenes Spektrum. Wir können also nicht nur die Frage stellen, ob jemand Gewissenhaft ist oder nicht, sondern auch wie stark Gewissenhaftigkeit in seiner Persönlichkeit eingebettet ist (von „wenig“ bis „sehr“, von „gar nicht“ bis „völlig“, von „ist mir egal“ bis „erzähl mir mehr“).

Offenheit für Erfahrungen ist ein relativ selbsterklärendes Spektrum. Wenn wir auch mal bereit sind Oktopus, anstelle von Grießbrei, nach unserem Hauptgang bei Tante Gerda zu probieren, dann können wir uns als erfahrungsoffene Menschen bezeichnen. Auch ein Opernbesuch als Grindcore-Fan könnte man als solches einstufen, wobei wir davon ausgehen können, dass auch Operncore bereits in einem muffig riechenden Proberaum, irgendwo im Vorraum der Hölle, praktiziert wird. Dementgegen, auf dem anderen Ende des Spektrums, befinden sich Menschen mit einer Persönlichkeit, die es ihnen sehr viel seltener zulässt auch mal etwas Neues auszuprobieren. Solche Menschen wägen sich gern in der Sicherheit des bekannten und sind nur schwer davon zu überzeugen mit in die neue Szenebar  zu kommen, um sich mit Alkoholdampf einen anzu…atmen.

Gewissenhaftigkeit ist die Tugend der (Selbst)Disziplin. Gewissenhafte Menschen erledigen Aufgaben fristgerecht und in möglichst exzellenter Qualität. Wenn sie nicht gerade damit sind beschäftigt den morgigen Duschgang in Google-Calender einzutragen, lassen sie sich (erfolglos) von ihren weniger gewissenhaften, dafür sehr viel spontaneren, Mitmenschen überzeugen mit auf einen Campingtrip im Teuteburger Wald zu kommen. Ohne Zelt.

Extraversion, das Gegenteil von Introversion, ist die Eigenschaft von einigen unter uns sich mit jedem noch so fremden Menschen in abstrusesten Situationen auf freundlicher Ebene unterhalten zu können. Auf der Geburtstagsfeier der Cousine sind das diejenigen, die nach einer halben Stunde jeden kennen, mit jedem high-fiven und auf fünf weitere Geburtstage von anderen Cousinen eingeladen werden. Ein Teufelskreis des sozialen Umgangs sozusagen. Ihre fernen Nachbarn, die Introvertierten, schätzen als abendliche Aktivität mehr einen Pfefferminztee und die neueste NDR-Dokumentation über die bedrohte Euphorbia Leuconeura (eine Pflanze, die ihre Samen durch die Gegend schießt) in Madagascar.

Verträglichkeit ist das Merkmal einer Person, die umgänglich und offen mit seinen Mitmenschen zusammenlebt. Dieser Faktor ähnelt der Extraversion, geht aber mehr auf eine emotionale Ebene ein. So haben verträgliche Persönlichkeiten Mitgefühl mit den Freuden und Leiden anderer. Auch selbstloses Verhalten (Altruismus) ist bei stark verträglichen Menschen öfter zu beobachten. Weniger verträgliche Personen zweifeln eher an anderen und neigen dazu ihre eigene Meinung durchsetzen zu wollen. So kann der freundliche Mitstudent, dem alles recht ist und der nie etwas auszusetzen hat an den Aussagen anderer, auch mal gehörig nerven, weil er rückgratlos alles anzunehmen scheint. Generell kann aber davon ausgegangen werden, dass verträgliche Menschen, so wie der Name es selbst schon sagt, besser von anderen aufgenommen wird. Bei längerfristigen Beziehungen oder intensiver Philosophischer Debatten über die Sinnhaftigkeit cartesianischen Zweifels kann aber auch ein weniger verträglicher, dafür närrisch seine Meinung vertretender Mitstreiter vorgezogen werden. Jedem das seine.

Neurotizismus ist der dunkelste aller Faktoren, zumindest auf einer Seite seines Spektrums. Personen mit einem hohen Grad an Neurotizismus neigen dazu in negativen Emotionen zu baden und tendenziell anfälliger zu sein für „mentale Unglücke“.  Individuen mit starkem Neurotizismus kommen oftmals daher mit negativ geprägten Denkmustern. Positive Erfahrungen glänzen im Licht einer geplatzten Glühbirne, wohingegen negative Erfahrungen noch einmal, zweimal, dreimal umgedreht und genau unter die Lupe genommen werden. Auf dem gegenüberliegenden Ufer dieses Spektrums liegen Menschen auf Handtüchern mit Aufdrucken wie „Life’s good“ oder „Ich chill, wenn ich will“. Als sicher im Leben stehende, mit sich selbst zufrieden seiende Menschen geht es denen mit niedrigem Neurotizismus-Anteil im Schnitt besser als ihren trostlosen Kollegen.

An dieser Stelle ist zu betonen, dass selten Menschen auf der extremen Seite des Spektrums eines Persönlichkeitsmerkmals landen. Die meisten von uns befinden sich irgendwo zwischen beiden Extremen, haben aber generelle Tendenzen in eine bestimmte Richtung.


Dustin Jaros
Dustin Jaros

Mein Name ist Dustin Jaros, ich bin Psychologe und arbeite in der psychosozialen Betreuung. Menschen profitieren von meiner Beratung über das Internet (Skype, E-Mail, Spreed) und via Telefon. Damit sind sie oft örtlich unabhängig und können auch ohne viel Aufwand meine Beratung wahrnehmen. Meine Gesprächspartner genießen meine offene, ehrliche und authentische Art. Für Kopfvoll mache ich Fotos, schreibe Texte und kümmere mich um die sozialen Medien (Instagram: @kopfvoll / Facebook: k0pfv0ll).