Der Großteil unserer psychologischen Wissenschaft konzentriert sich auf negative Phänomene. Besonders klinische Psychologie hat sich in die Rolle begeben, in der sie mentale Abgründe studiert und versucht Menschen aus extremen Notsituationen heraus zu befördern. Doch auch andere Bereiche der Psychologie sind durchzogen von negativen Ansätzen. In der Verkehrspsychologie geht es um gefährliche Verkehrssituationen, in denen Menschen verletzt werden könnten. In der kognitiven Psychologie geht es vorrangig um das Zustandekommen unseres fehlerhaften Denkens. In der Entwicklungspsychologie studieren wir Schreikinder und Abnormitäten in der  Kindesentwicklung. Wir sind geeicht darauf zu intervenieren und Menschen mit Problemen aus ihrer Notlage zu befreien.

Das Handbuch der klinischen Psychologie nennt sich „Diagnostic and Statistical Manual for Mental Disorders“ (Diagnostisches und Statistisches Handbuch für Mentale Störungen) und hat, in seiner fünften Fassung von 2013, immense 947 Seiten. Von gestörtem Sexualverhalten, über Essstörungen, bis hin zu den abwegigsten Fetischen, sind im DSM alle bekannten Symptome aufgelistet.

Angesichts der Tatsache, dass wir uns in der Psychologie scheinbar ausschließlich auf das menschliche Elend konzentrieren, stehen bestimmte Fragen immer öfter im Raum: Wo bleibt die Positivität? Wo bleiben das Glück und die Freude? Wo sind die Studien, in denen Menschen von einem Normalzustand einen noch viel besseren Zustand erreichen konnten?

Positive Psychologie nimmt sich genau solchen Fragen an.

Wie zu erwarten versucht ein Großteil von unseriösen möchtegern-Wissenschaftlern und Selbsthilfe-Autoren, mit dem Umschwung im Denken der psychologischen Wissenschaft Geld zu scheffeln. Tausende von Selbsthilfebüchern werden jährlich publiziert, wovon jedes einzelne damit wirbt die einzig wahre Lösung zum Problem des Unglücklich seins gefunden haben zu wollen.

Die seriöse Wissenschaft hat aber tatsächlich Ergebnisse vorzuweisen, die es uns ermöglicht hilfreiche Schlussfolgerungen zu ziehen.

KOPFVOLL - Glückseligkeit

Anschließend an die oben genannte Studie des Global Emotional Report, ist es für Psychologen aus dem Bereich der positiven Psychologie nicht verwunderlich, dass der Großteil der Bevölkerung eines jeden Landes angibt mehr glücklich als unglücklich zu sein. Im Schnitt, auf einer Skala von 1 (nicht glücklich) bis 10 (extrem Glücklich), würden die meisten Menschen zu einer 7 oder höher tendieren. Abhängig von der individuellen Situation, in der sich eine befragte Person befindet, können die Werte auch weitaus niedriger befinden. Der Schnitt jedoch, und damit arbeitet der Großteil der Psychologie, ist ziemlich glücklich.

Menschen denken im Allgemeinen, dass sie glücklicher sind als andere Menschen. Ähnlich wie in dem Denkfehler, der uns mehr Aufmerksamkeit von anderen zukommen lässt als andere erhalten, denken wir in dem Fall, wir wären gesegnet mit einem Zustand von Glückseligkeit, den andere nur selten erreichen.

Fragt man Passanten auf der Straße an einem sonnigen Tag, wie glücklich sie sind, werden sie zu höheren Werten auf der Skala tendieren, als an dunklen und verregneten Tagen. Der Einfluss von Faktoren in bestimmten Situationen hat also auch einen großen Einfluss darauf, wie wir unsere eigene Glückseligkeit wahrnehmen. Schiebt man der Frage nach dem Glück die Frage nach dem Wetter voraus, verschwindet der Wettereffekt in der Angabe des Glücks. Wir beziehen den Faktor des Umstandes „schlechtes Wetter“ mit in unsere Kalkulation mit ein und kontrollieren seinen Einfluss auf unser Gemüt. Demnach geben wir dem momentan verregneten Tageszustand weniger Gewichtung in unserer Angabe wie Glücklich wir wären.

Auch sind finanzielle Mittel nicht unbedingt ausschlaggebend dafür, wie glücklich sich jemand fühlt. Solang unsere Grundbedürfnisse abgedeckt sind, macht finanzieller Reichtum keinen besonders großen Unterschied mit Bezug zum emotionalen Wohlbefinden einer Person. In vielen Fällen werden Menschen, welche in kurzer Zeit viel Geld erlangen, sogar sehr viel unglücklicher als zu den Zeiten, in denen sie gerade genug hatten, um ihre Bedürfnisse abzudecken.

Steven Pinker, ein Neurowissenschaftler von der Universität in Harvard, benennt die wichtigsten Faktoren für ein glückliches Leben. Nach ihm sind wir glücklich, wenn wir gesund, wohl ernährt, komfortabel, sicher, erfolgreich, wissend, respektiert und sexuell aktiv sind und von anderen geliebt werden. In Anbetracht der Tatsache wie hoch entwickelt und wohlhabend unsere westliche Kultur ist, mag jedoch angezweifelt werden, dass wirklich alle Faktoren bedient sein müssen, um Glückseligkeit zu erreichen.

Wie bereits angesprochen macht es für die Bewohner eines Landes nicht besonders viel aus, wie reich oder arm ein Land ist. Befindet sich die Population eines Landes nicht in lebensbedrohlichen Notlagen, wie Hunger oder extreme Armut, hervorgerufen durch Krieg oder Krankheit, liegt der Durchschnitt des emotionalen Wohlbefindens auf dem Niveau von vergleichsweise sehr viel höher entwickelten Ländern.

Generell ändert sich unsere Glückseligkeit nicht so sehr, wie wir denken. Der Grund dafür ist die Stabilität unserer emotionalen Zustände. Einschneidende Erlebnisse, wie zum Beispiel der Tod eines Familienangehörigen oder ein großer Verlust in persönlichem Reichtum, haben anfangs einen extremen Einfluss auf unser Gemüt. Die Welt bricht für uns zusammen und wir sehen wenig Sinn darin morgen früh unser Bett zu verlassen. Doch nach einigen Wochen, eine verhältnismäßig geringe Zeitspanne, fühlen sich die meisten Menschen wie zu Zeiten vor dem negativen Ereignis.

Ein wichtiger Bestandteil unseres emotionalen Zustands kommt, wie auch Faktoren unserer Persönlichkeit, von unseren Genen. Wir sind, bedingt durch unsere DANN, dazu geneigt einen bestimmten emotionalen Pegel zu halten. Ob wir generell etwas launisch sind oder durchweg Lachen, wir neigen im Großen und Ganzen dazu diese Richtlinie der Emotionen beizubehalten. In Relation zu unserer Persönlichkeit, kann man leicht erkennen, dass Persönlichkeitsfaktoren, wie „Offenheit für Erfahrungen“ oder „Neurotizismus“ mit emotionalen Zuständen korrelieren.

Auch Erlebnisse im und Erfahrungen  aus unserem Leben haben einen Einfluss darauf, wie glücklich wir uns schätzen.

Stellen wir uns die Frage, was das schlimmste ist, was uns passieren kann. Stellen wir uns danach die Frage, wie sehr solch ein verheerendes Ereignis unseren Zustand mit Bezug zu unserer Glückseligkeit beeinflussen würde. Was auch immer wir uns in solch einem Moment vorstellen, die emotionalen Folgen, die mit der Vorstellung einhergehen, sind sehr wahrscheinlich übertrieben hoch angesetzt.

Ein bekanntes Beispiel in diesem Zusammenhang sind die emotionalen Folgen in Menschen, die querschnittsgelähmt werden. Anfänglich verfallen Menschen nach einer solch drastischen Änderung in ihrem Leben oft in eine sehr depressive Phase. Sie sehen ihr Leben als abgelaufen, sie schätzen die Lebensqualität als extrem niedrig ein und gehen davon aus, dass sie nur noch sehr wenig Lebensfreude an den Tag legen werden. Die eigentliche Tatsache ist jedoch  eine andere. Nach Ablauf von wenigen Monaten bis ca. ein Jahr, fühlen sich die nun querschnittsgelähmten Personen genauso glücklich wie vor ihrem Unfall. Ihre Einschätzung mit Bezug zu der Qualität ihres Lebens und den emotionalen Zuständen, die sie von nun an mit ihrer Behinderung erleben werden, waren extrem verfälscht. Durch die situationellen Umstände in dem Moment, sozusagen der Zustand des neuen unbekannten, verleitet Menschen dazu die Folgen einer negativen Lebensveränderung drastischer einzuschätzen, als sie letztendlich sind.


Dustin Jaros
Dustin Jaros

Mein Name ist Dustin Jaros, ich bin Psychologe und arbeite in der psychosozialen Betreuung. Menschen profitieren von meiner Beratung über das Internet (Skype, E-Mail, Spreed) und via Telefon. Damit sind sie oft örtlich unabhängig und können auch ohne viel Aufwand meine Beratung wahrnehmen. Meine Gesprächspartner genießen meine offene, ehrliche und authentische Art. Für Kopfvoll mache ich Fotos, schreibe Texte und kümmere mich um die sozialen Medien (Instagram: @kopfvoll / Facebook: k0pfv0ll).