Was hat meine schlechte Laune mit einem Trabant als Rennauto gemeinsam? Beides ist irgendwie traurig, aber ich kann darüber lachen.

Humor in der Misere Kopfvoll psychologische Beratung

Schlechte Laune

So, wie sich das Wetter mit den Jahreszeiten im Verlaufe von 365 Tagen ändert, so ändert sich in vielen von uns der innere emotionale Zustand. Im Gegensatz zu den zeitlich sehr fixen natürlichen Zeiten von Frühling, Sommer, Herbst und Winter scheint unser mentaler Haushalt schnelllebiger zu sein. Für einen kompletten Zyklus von guter Laune zu schlechter Laune braucht es zeitlich oft weitaus weniger als die Dauer der Jahreszeiten. Meist reicht dafür ein kleines negatives Ereignis wie ein schlechter Traum oder Kritik der eigenen Person. Von jetzt auf gleich schaltet etwas in uns um und wir befinden uns, ohne es gewollt zu haben, in einem Gemütszustand, der alles andere als erstrebenswert ist. Dann haben wir es zu tun mit überwiegend negativen Gedanken über uns selbst und über andere Menschen und Situationen. Schonungslose Selbstkritik, Zweifel, Orientierungslosigkeit, Sinnlosigkeit und generell vernebeltes Denken hängen uns in solchen Momenten im Kopf, wie Kaugummi an der Schuhsohle.

Gemütsschwankungen sind etwas völlig natürliches und gehören zum täglichen Leben dazu. In langen Dunkelperioden ist es verdammt schwer die Laune hoch zu halten und nicht in ein Loch zu fallen, aus dem wir augenscheinlich nicht selbst herauskommen können. In schlimmeren Fällen empfinden wir den inneren Winter sogar an unbeschwerten Sommertagen. Eins führt zum Anderen und wir haben nicht nur heute kurz schlechte Laune, weil ein bestimmter Grund uns dazu verleitet hat, sondern fühlen uns Tage, Wochen und Monate schlecht. Die kleine Kuhle, in der wir uns gestern befanden, ist über Nacht zu einem Krater geworden, der sich, wie von Geisterhand, selbst tiefer gräbt.

An sich ist das alles schön und gut (oder eher hässlich und schlecht), doch wie sollen wir unseren Zielen am Horizont entgegenlaufen, wenn wir aus unserem Loch kaum noch Tageslicht sehen?

Die Lösung

Wenn du mich nach einem Allheilmittel fragst, kann ich nicht anders, als dich zu enttäuschen. Schlechte Laune, Trauer, Enttäuschung und alles, was dich herunterzieht, gehört eben dazu und hat seinen Zweck und seinen Nutzen. Was sich dennoch sehr oft bewährt hat, ist Humor. Und bevor ich von einem schlechtgelaunten Mob gelyncht werde, möchte ich versuchen zu erklären, was ich damit meine.

Durch den intensiven Kontakt mit sehr chronisch psychisch kranken Menschen habe ich eines über die Jahre gelernt. Es ist genauso okay sich selbst zu bemitleiden, wie es okay ist sich selbst und seine Situation nicht allzu ernst zu nehmen und über seinen miserablen Zustand humorvoll und mit Respekt zu lachen. Es tat und tut vielen Menschen gut, sich für einen Moment von der eigenen Person zu lösen und von außen zu betrachten.

“Es geht mir unfassbar scheiße.”; “Ich höre Stimmen, die mir befehlen, ich solle mich verletzen.”; “Seit drei Tagen fehlt mir die Lust aus dem Bett zu kriechen” etc.

Natürlich ist es schwierig in solchen Lebenssituationen und in solchen Biografien auch nur irgendetwas humorvolles zu finden. Nichts ist tragischer als ein Leben, das durch das eigene Denken boykottiert wird. Aber genau dort liegt der Hund begraben. Selbstmitleid bringt keinem etwas, warum nicht also einen Versuch unternehmen und einen Trabant als Rennauto zu bezeichnen?

Was? Trabant? Rennauto?

Nein, meine Synapsen haben keinen Kurzschluss. Was ich hier ansprechen möchte, ist der Weg in den Humor. Einen Trabant als Rennauto zu sehen ist eine ironische Hyperbel. Eine krasse Übertreibung, bei der der Kern der Aussage nicht dem Entspricht, was ich wirklich denke. Was daraus resultiert ist eine Verzerrung der Wirklichkeit. Die Folge des Ganzen ist eine Entkoppelung der eigentlichen (wahrgenommenen) Tatsachen von dem, was wirklich ist. Meine schlechte Laune ist für mich ein Tatsache. Meine Depression ist für mich eine Tatsache. Die Stimmen in meinem Kopf sind für mich eine Tatsache und die Wolken über meinem Kopf sind definitiv real.

Diese Dinge sind vorhanden, das möchte niemand leugnen. Sie zu kennen und zu akzeptieren ist womöglich der wichtigste Schritt dem Versinken in noch tiefere Löcher entgegenzuwirken. Jetzt wollen wir aber nicht nur nicht noch tiefer sinken, sondern irgendwann auch mal wieder den Horizont erblicken. Was können wir dafür tun? Wir können eine Gelassenheit üben, die uns mit Würde und Respekt über uns selbst lachen lässt. Wie können wir diese Gelassenheit üben? Wir können diese Gelassenheit üben, in dem wir die Wahrnehmung unserer Situation maßlos überziehen.

In therapeutischen Gesprächen, wie auch im eigenen Denken, ist durch dieses maßlose Übertreiben ein interessantes Phänomen zu beobachten. Menschen tendieren dazu ein Mittelmaß haben zu wollen. In der Statistik würde man das als Regression zur Mitte bezeichnen.

In dem Moment, wo ich meine miserable Laune als noch viel miserabler darstelle, als sie ist, tendiere ich dazu mich korrigieren zu wollen. In Gesprächen mit Klienten sieht das so aus, dass nach einer solch recht provokativen Äußerung Antworten kommen, die in ihrer Essenz in die entgegengesetzte, also die angestrebte, Richtung gehen:

Aussage:Seit drei Tagen fehlt mir die Lust aus dem Bett zu kriechen.

Übertreibung:Ich werde wohl nie wieder aufstehen.

Korrektur:Ich stehe natürlich noch auf, so ist es nicht.

Et Violà, der Fokus im Denken liegt in dem Moment nicht mehr auf dem Liegenbleiben, sondern auf dem Aufstehen. Gleichzeitig wird die Fähigkeit untermalt, aufstehen zu können und es auch noch zu tun. Das befähigt wiederum zu einer stärkeren Wahrnehmung der Selbstwirksamkeit, also der Fähigkeit Dinge in der Welt aus eigener Kraft ändern zu können. Mit etwas Glück und viel Fingerspitzengefühl kann dadurch auf Dauer eine positive Spirale angeregt werden, die einen Stunde für Stunde, Tag für Tag und Woche für Woche immer etwas weiter aus dem eigenen Loch hebt.

Abschluss

Um nicht zu weit in das Thema einzusteigen, möchte ich auf interessante Quellen verweisen und mich herzlichst bei euch bedanken.

Schreibt mir ruhig, ob ihr mit humorvollen Ansätzen etwas anfangen könnt oder ob ihr mir jetzt lieber den Hals umdrehen wollen würdet.

Beste Grüße, Dustin


Urvater der provokativen Therapie: Frank Farrelly

Provocative Change Works: Nick Kemp

Selbstwirksamkeit und Selbstwirksamkeitserwartung


P.S.: Ich bin wieder für private Beratungstermine zu haben. Bei Interesse schickst du mir eine E-Mail und wir klären alles Weitere im direkten Kontakt. Ich antworte auf ALLE Anfragen.

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Dustin Jaros
Dustin Jaros

Mein Name ist Dustin Jaros, ich bin Psychologe und arbeite in der psychosozialen Betreuung. Menschen profitieren von meiner Beratung über das Internet (Skype, E-Mail, Spreed) und via Telefon. Damit sind sie oft örtlich unabhängig und können auch ohne viel Aufwand meine Beratung wahrnehmen. Meine Gesprächspartner genießen meine offene, ehrliche und authentische Art. Für Kopfvoll mache ich Fotos, schreibe Texte und kümmere mich um die sozialen Medien (Instagram: @kopfvoll / Facebook: k0pfv0ll).