kopfvoll - Zynismus

Kampf dem Zynismus

“There was nothing really as glorious as a good beer shit—I mean after drinking twenty or twenty-five beers the night before. The odor of a beer shit like that spread all around and stayed for a good hour-and-a-half. It made you realize that you were really alive.”

Bukowski – Ham on Rye (1982)

„Nichts war glorioser als ein guter Bierschiss – Ich meine, nach zwanzig oder fünfundzwanzig Bieren am Abend davor. Der Gestank von solch einem guten Bierschiss hat sich im ganzen Haus verteilt und blieb für mehr als eineinhalb Stunden."

kopfvoll - Zynismus

Wenn wir uns darauf einigen können, dass außer Kinder unter 3 Jahren nur englische Bulldoggen die gleiche abstruse Art von Naivität an den Tag legen, die das Sehen durch eine mit rosafarbenen Gläsern ausgestattete RayBan möglich machen lässt, dann können wir einen gemeinsamen Gedanken fassen.

Eine lebensnahe  Maßnahme, um dem tatsächlich auf den Grund zu gehen, ist dein Kind neben deinen Hund zu platzieren und beiden mit freudiger Stimme zu erklären, sie würden entweder eingeschläfert oder als Adoptivfall bei der nächsten kirchlichen Einrichtungen, für die Mutti seit 1986 keine Steuern mehr bezahlt, abgegeben werden. Eines der Wesen vor dir müsste mit dem Schwanz wackeln, das andere sich entweder freudsam- oder hasserfüllt besabbern.  

Beiden ist nicht bewusst, aufgrund fehlender Einsicht in anderer Menschen Gedanken, was eine zynische Aussage, bzw. eine zynische Art der Lebenseinstellung, ist.

Dem Zweibeiner wird notwendigerweise jedoch früher oder später klar, dass das Anpreisen seiner selbstgemalten Pferde und Raumschiffe mit „Das ist aber ein schönes Kamel, gut gemacht!“ aus einer Unterstützenden und ernst gemeinten, oder aus einer destruktiven verhöhnenden, Richtung kommen kann. Mit ersterer soll sichergestellt werden, dass das Kind nicht auf Grund von Demotivation aufhört seine Fantasie auf künstlerische Art und Weise auszuleben. Auf Grund letzterer finden sich lernbegabte und talentierte Menschen Mitte 30 als Burger-Flipper im Lokal zur goldenen Taube wieder. 

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Der kleine Racker wird im Laufe seiner Zeit Bekanntschaften machen mit Menschen, die einen alleszerfressenden toxischen Schleim absondern, mit dem sie den Untergang eines erfüllenden und zugleich positiven Fortbestandes unseres kollektiven Bewusstseins sicherstellen. Sicher wird er sich auch glücklich schätzen dürfen erfreulichere Mitmenschen kennen zu lernen. Manchmal wird er Menschen begegnen, die zwischen beiden Extremen pendeln können und damit aus jedem entspannten Treffen in der Öffentlichkeit eine Denkübung machen, bei der der Gesprächspartner in Sekundenschnelle von einer Seite des Interpretationsspielraums auf die andere rennen muss. Das verletzen dieser Regel hat standardgemäß dramatische Konsequenzen für alle darauffolgenden öffentlichen Treffen.

So oder so wird sich unser (imaginäres) Kind selbst irgendwo auf dem Spektrum zwischen zynisch und idealistisch einpegeln. Hoffentlich wird es im Prozess dabei erkennen, wie hemmend eine von Negativismus geprägte und tiefgehend zynische Art des Denkens und des Lebens sein kann:

  1. Die Tendenz zum Zynismus ist über die Lebensspanne einer Person relativ stabil [1].
  2. Zynisches Misstrauen ist ein aussagekräftiger Prädiktor für gesundheitlich negative Folgen wie Übergewicht [2] , Herzinfarkt [3] und Demenz [4].
  3. Zynische Menschen geben und erhalten im Durchschnitt weniger soziale Unterstützung [5].
  4. Zyniker berichten von stärkeren und mehr Konflikten innerhalb der Familie [6].
  5. Zynische Feindseligkeit haben ein schlechteres Arbeitsklima und schlechteres bürgerliches Verhalten zur Folge [7][8].

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Zynismus hat nicht nur aus allgemeinverständlicher Sicht eine breite Facette an Bedeutungen, auch aus wissenschaftlicher Sicht ist es relativ schwer eine vereinheitlichte Definition des Begriffs und Interpretation seiner Bedeutung zu handhaben. Die Frage nach intrinsischem Zynismus geht seit der Existenz der westlichen Philosophie mit wissenschaftlichen Interpretationen einher. Thomas Hobbes glaubte, die Menschheit wäre in konstantem Krieg gegen sich selbst. Jeder einzelne wäre radikal egozentrisch und würde, durch Ausleben von z.B. Zynismus, den eigenen Selbsterhalt gewährleisten. Auf der anderen Seite wird es immer Repräsentanten der menschlichen Gutgläubigkeit geben. Menschen, die angetan von der Positivität im Erkennen lebendiger Farben und dem „Scheitern durch Versuch“, an lebensbejahenden Einzelheiten im Leben festhalten. Eine moderne Abhandlung von menschlicher Psyche und ihrer positiven Eigenschaften findet man im Bereich/Paradigma „positive psychology“. Daniel Nettle, Dan Gilbert  oder Martin Seligman und eine stetig steigende Anzahl Anhänger sammeln ihre Gedanken, ihre Recherche und wissenschaftliche Untersuchungen und opfern unzählige Lebensstunden, um der negativen Front der Inhalte psychologischer-, philosophischer- und politischer Wissenschaft Einhalt zu gebieten. Gleichermaßen wird durch eine solche Anstrengung ein kleiner Teil der Menschheit darüber informiert, dass es Sinn macht sich ab und zu selbst kritisch zu beobachten und zu hinterfragen.

Wer sich dabei beobachtet mit böswilliger Intention die Errungenschaft und damit die Leistung eines Mitmenschen anzupreisen, nur um nach Erfüllung einer sozial normierten Handlung („Danke“, „Bitte“, „Glückwunsch“ oder „Ohh, schade“) die Pest auf denjenigen zu wünschen, kann wenigstens die bewusste Entscheidung treffen tief durchzuatmen, bis zehn zu zählen und seinen Umgang mit der Welt zu überdenken. Dagegen kann sich jemand, der nicht auf die Idee kommt der ekelhaften Seite seines Daseins jemals die Hand zu schütteln, nicht von der eigenen Abart  befreien. Ganz nach dem Motto „Was ich nicht sehe, existiert nicht.“ Übrigens ebenso ein Motto, nach dem viele Kleinkinder für mehrere Monate ihr Leben ausrichten. Dabei hat es so viele wichtige Vorteile für einen Menschen, nicht der Falle des negativen Abgrunds zum Opfer zu fallen:

  1. Weniger zynische Lebensweisen sorgen für einen gesunden und effektiveren Umgang mit Stress [9].
  2. Nicht-zynische Menschen erreichen nicht später als zynische Menschen ein bestimmtes Arbeitsziel, haben aber einen höheren Anspruch an Qualität, als ihre zynischen Kollegen [10].
  3. Zyniker verdienen weitaus weniger als nicht-zynische Menschen [11].

Natürlich hat ein Karl (Charles) Bukowski mindestens genauso viel Spaß im Leben wie ein Gandhi. Was beide dennoch unterscheidet ist, unter anderem, der Einfluss, den sie auf andere Menschen haben/hatten und das Einkommen, dass beide hätten, würden sie 8h am Tag auf einer Tastatur rumhacken. Während der eine majestätisch zugedröhnt die Welt in ihrem stinkenden erbrochenen in lyrischer Perfektion wiederspiegelt, hockt der andere im Schneidersitz, hungernd, auf einem Berg glückseliger Enttäuschung und Hoffnung.

Der Vergleich/Gegensatz braucht eine Krücke.

Quellen:

[1] - Goodwin, R., Polek, E., & Bardi, A. (2012). The temporal reciprocity of values and beliefs: A longitudinal study within a major life transition. European Journal of Personality, 26, 360 370. http://dx.doi.org/ 10.1002/per.844

[2] - Bunde, J., & Suls, J. (2006). A quantitative analysis of the relationship between the Cook-Medley Hostility Scale and traditional coronary artery disease risk factors. Health Psychology, 25, 493–500.

[3] - Nelson, T. L., Palmer, R. F., & Pedersen, N. L. (2004). The metabolic syndrome mediates the relationship between cynical hostility and cardiovascular disease. Experimental Aging Research, 30, 163–177. http:// dx.doi.org/10.1080/03610730490275148

[4] - Neuvonen, E., Rusanen, M., Solomon, A., Ngandu, T., Laatikainen, T., Soininen, H.,...Tolppanen, A. M. (2014). Late-life cynical distrust, risk of incident dementia, and mortality in a population-based cohort. Neurology, 82, 2205–2212. http://dx.doi.org/10.1212/WNL .0000000000000528

[5] - Kaplan, S. A., Bradley, J. C., & Ruscher, J. B. (2004). The inhibitory role of cynical disposition in the provision and receipt of social support: The case of the September 11th terrorist attacks. Personality and Individual Differences, 37, 1221–1232. http://dx.doi.org/10.1016/j.paid.2003.12 .006

[6] - Baron, K. G., Smith, T. W., Butner, J., Nealey-Moore, J., Hawkins, M. W., & Uchino, B. N. (2007). Hostility, anger, and marital adjustment: Concurrent and prospective associations with psychosocial vulnerability. Journal of Behavioral Medicine, 30, 1 - 10. http://dx.doi.org/10.1007/ s10865-006-9086-z

[7] - Turner, J. H., & Valentine, S. R. (2001). Cynicism as a fundamental dimension of moral decision-making: A scale development. Journal of Business Ethics, 34, 123–136. http://dx.doi.org/10.1023/A: 1012268705059

[8] - Leung, K., Ip, O. K. M., & Leung, K.-K. (2010). Social cynicism and job satisfaction: A longitudinal analysis. Applied Psychology, 59, 318–338. http://dx.doi.org/10.1111/j.1464-0597.2009.00392.x

[9] - Dahling, J. J., Whitaker, B. G., & Levy, P. E. (2009). The development and validation of a new Machiavellianism Scale. Journal of Management, 35, 219 –257. http://dx.doi.org/10.1177/0149206308318618

[10] - Wilson, D. S., Near, D., & Miller, R. R. (1996). Machiavellianism: A synthesis of the evolutionary and psychological literatures. Psychological Bulletin, 119, 285–299. http://dx.doi.org/10.1037/0033-2909.119.2.285

[11] - Stavrova, O., Ehlebracht, D. (2015). Cynical Beliefs About Human Nature and Income: Longitudinal and Cross-Cultural Analyses. Journal of Personality and Social Psychology. Advanced online publication. http://dx.doi.org/10.1037/pspp0000050

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D.J.

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