Kinder und Bindung

Warum liebt dich dein (Affen)Kind (nicht)?

 

Ein Kind, aufgeozogen in absoluter Einsamkeit, ohne jegliche soziale Kontakte zu gleichaltrigen Kindern oder anderen Mitmenschen überhaupt, wird entweder frühzeitig sterben [1] oder enorme geistige Defizite [2] erleiden.

Harry Harlow, ein US-Amerikanischer Wissenschaftler, hat um 1965 nicht mit menschlichen Kindern experimentiert, sondern mit Affen [3]. Bereits damals wusste man (einige) ethische Richtlinien zu befolgen. In seiner, trotz dessen sehr makaberen, Studie hat er Affenbabies in sozialer Deprivation, also ohne jegliche Kontakte zu anderen Affen, aufwachsen lassen. Mit Hilfe einiger Verhaltensexperimente hat er damit einen Weg der Wissenschaft eingeschlagen, der bis heute enorm wichtig ist für das Verstehen von Eltern-Kind, bzw. Pfleger-Kind, Beziehungen.

Einigen Affenbabies wurde die Option zwischen einem mit Futter versorgenden Metallgestell (Metall-Mama) und einem flauschigen Abbild eines affenähnlichen Etwas gegeben (Kuschel-Mama). In Notsituationen, zum Beispiel bei Angst, wenden sich die Affenbabies stets zu der flauschigen Apparatur. Nur für den Fall, dass sie sich schnell mit Nahrung versorgen müssen, nehmen sie die Metall-Mama in Anspruch. Kuschel-Mama ist daraufhin, nach der Fütterung, wieder das primäre Objekt der Begierde.

Harlow versuchte damit zu verdeutlichen, dass emotionale und körperliche Fürsorge in Form von Geborgenheit und Sicherheit für Affenbabies (und in der Analogie auch für Menschenbabies) weitaus wichtiger sind als der emotionale “kalte” Versorger, der nur für Nahrung, und damit das reine körperliche Überleben, aufkommt.

Aus der Art der Beziehung zwischen Elternteil(en), bzw. Betreuer(n), und dem Baby/Kind, resultiert ein ähnlich gebundener Erwachsener. Das heißt, dass ein Baby, aufgezogen in emotionaler und körperlicher Fürsorge, eine sichere Bindung zu seinen Elternteilen und später zu sich selbst und anderen Mitmenschen aufbauen wird. Im Gegenteil wird ein vernachlässigtes Kind, welches größtenteils auf sich allein gestellt ist, eine vernachlässigende Beziehung zu anderen Menschen aufbauen.

kopfvoll - Kinder und Bindung

Mary Ainsworth hat 1967 erstmals eine Studie [4] zu den Bindungsstilen von Kindern zu Ihren Müttern veröffentlicht. Sie kam zu dem Schluss, dass Babies und Kleinkinder in vier verschiedene Bindungskategorien eingeordnet werden können:

  1. sicher: Gleichbleibende, aufmerksame Fürsorge fördert im Kind ein Gefühl der Sicherheit. Das Kind Interagiert gut mit Fremden, zieht aber das primäre Elternteil (meist Mutter) als Bezugsperson vor.
  2. unsicher/ambivalent: Das Kind ist anhänglich, verlässt den Schutzraum des Elternteils selten bis nie, erkundet nicht die Umwelt und hat Probleme im Umgang mit Fremden. Außerdem wird das Kind nach einer Stresssituation widersprüchlich mit Bezug zum Elternteil reagieren. Oft sind abwechselnd anhängliches und dann abweisend-aggressives Verhalten beim Kind zu beobachten.
  3. unsicher/vermeidend: Das Kind wirkt gleichgültig gegenüber dem Elternteil und vermeidet oft den Umgang mit ihr/ihm. Fremde Menschen sind weniger ein Problem für das Kind und können oftmals Stress und Aufregung abbauen, ohne dass der primäre Elternteil anwesend sein muss.
  4. desorganisiert: Das Kind zeigt keine gleichbleibende Art des Umgangs mit Eltern oder Fremden. Ihr/Sein Verhalten ist geprägt von verschiedensten Variationen der anderen Bindungsformen. Oft variiert die Art des Umgangs abhängig von Umweltfaktoren oder internen Faktoren des Kinds (Lust und Laune).

Im Folgenden Video ist zu sehen, wie das wichtigste Ihrer Experimente gestaltet war:

Mutter mit Kind in einer fremden Umgebung (00:00 bis 01:15) – fremde Person betritt Raum (01:17 bis 01:25) – Mutter verlässt Raum (01:47) – Wie reagiert Kind (ab 01:47)?


[1] – Social deprivation and the causes of stillbirth and infant mortality

[2] – Social deprivation hurts child brain development, study finds.

[3] – The affectional systems in Rhesus Monkeys.

[4] – Attachment, Exploration, and Separation: Illustrated by the Behavior of One-Year-Olds in a Strange Situation


Dustin Jaros
Dustin Jaros

Mein Name ist Dustin Jaros, ich bin Psychologe und arbeite in der psychosozialen Betreuung. Menschen profitieren von meiner Beratung über das Internet (Skype, E-Mail, Spreed) und via Telefon. Damit sind sie oft örtlich unabhängig und können auch ohne viel Aufwand meine Beratung wahrnehmen. Meine Gesprächspartner genießen meine offene, ehrliche und authentische Art. Für Kopfvoll mache ich Fotos, schreibe Texte und kümmere mich um die sozialen Medien (Instagram: @kopfvoll / Facebook: k0pfv0ll).