Soziale Angststörung und -Phobie

Der Mann in der Blase – Teil 1

 

Er hat es sich gemütlich gemacht in seiner Blase. So gut wie nichts dringt ein. Bis auf ein paar verschwommene Farben sieht er nur sich. Die Innenseite reflektiert. Bietet Sicherheit, solang er nur sich selbst sieht. Ab und zu wird er von einem hallenden Murmeln überrascht. Stimmen. Doch reagieren braucht er nicht. Sie sind (hoffentlich) nur ein Produkt seiner regen Fantasie. Wer sollte auch mit ihm sprechen? Es ist keiner dort, nur er. Und das ist auch gut so.

Es lebt sich sicherer in einer Blase. Wieso hat nicht jeder eine? Hat jeder eine?

 

kopfvoll - soziale phobie

Zehn bis dreizehn Prozent der Bevölkerung macht es sich mindestens einmal in Ihrem Leben gemütlich im tiefsten Inneren ihres einsamen Ichs. Soziale Angststörung bietet Schutz auf der einen Seite und schadet dem bereits vorbelasteten sozialen Umgang auf der anderen. Hauptaugenmerkt betroffener liegt in der oft unbegründeten Furcht, von anderen, zumeist fremden, Menschen in sozialen Situationen (negativ) bewertet zu werden. An soziale Interaktion ist meist nicht zu denken. Es kann weder in der Öffentlichkeit gegessen, noch unbelastet ein ruhiger Gedanke gefasst werden. Alles dreht sich um die Blicke und Gedanken Anderer. Der einzige Ausweg ist die soziale Abstinenz.

Als soziales Wesen, in Gruppen lebend, ist der Mensch zumeist vertraut mit dem Umgang unbekannter Gesichter. Er stellt sich drauf ein beobachtet, bewertet und kategorisiert zu werden. Unser Überleben ist (und war schon immer) abhängig von der Fähigkeit in wenigen Sekunden Gefahren von Ungefährlichem zu trennen. Besonders wichtig ist uns dabei zu bestimmen, wer in unserem sozialen Umfeld eine Gefahr darstellen könnte und wem wir unsere Ressourcen, Freunde, Familie etc. anvertrauen können. Es ist ein Mechanismus, den wir benutzen, um effizient durch unser vielseitiges Zusammenleben zu rangieren.

Soziale Interaktionen sind von solch einer großen Bedeutung in unserem Leben, dass bereits kleine Ansätze einer sozialen Phobie, bzw. einer sozialen Angststörung, in vielen Menschen dazu führt, dass sie geneigt sind sich auch Situationen zu entziehen, in denen Sie sich theoretisch wohl fühlen müssten. Trotz bester Vorbereitung und intensivstem Fachwissen, wird enorme Prüfungsangst empfunden. Das Vorstellungsgespräch wird bis auf den Tod gemieden, obwohl, wissend, kein anderer für die Stelle besser geeignet wäre. Die Deadline für die Abgabe der Arbeit wird mehrere Male verschoben, obwohl das Projekt fertig ist. Es scheitert an der reinen Abgabe, an dem kurzen Treffen mit einer Person, an dem Weg dorthin.

Soziale Phobie äußert sich in Verhaltensmustern, Denkmustern und physiologischen Symptomen.

Das alltägliche Leben wird darauf ausgelegt, die Chance in eine unkontrollierbare, unvorbereitete, soziale Situation zu geraten, möglichst gering zu halten. Statt eines Einkaufsbummels wird der Onlineshop vorgezogen. Der Kontakt mit dem Postboten ist schlimm genug. Anfragen für Treffen mit Freunden und Bekannten wird solange aus dem Weg gegangen, bis keine Anfragen mehr kommen. Von anderen Menschen abhängige Hobbies, Gruppenprojekte, Kollaborationen etc. werden vernachlässigt oder aktiv begraben.

Der Trieb, sich in einsamer Sicherheit zu wägen, verstärkt sich selbst. Je weniger mit anderen interagiert wird, desto seltener kommt es vor, dass man sich einredet, man würde bewertet werden. Andere Menschen denken nicht schlecht über einen selbst, wenn man sich ihren Blicken entzieht. Unabhängig davon, ob negative Gedanken anderer jemals verifiziert wurden oder sich anderweitig bewahrheitet haben.

Kommt es letztendlich doch zu einer unvorbereiteten sozialen Interaktion, lässt das Eintreten der Kampf/Flucht-Reaktion alle rationalen Gedankengänge außen vor und konzentriert sich ausschließlich auf die Bedrohung. Ein spontanes Gespräch, sei es nur ein Telefonat mit dem Pizza-Lieferservice, lässt betroffene Phobiker so sehr leiden, dass sie starke körperliche Reaktionen aufweisen. Schweißausbrüche, Herzrasen, Schwindel, schnelle-abrupte Sprache und fehlende Konzentration sind die dominantesten Reaktionen.

Da unser Körper und unser Denken versuchen aus jeder Situation zu lernen, um sich bei wiederholtem Male anpassen zu können, interpretieren betroffene vergangene Interaktionen. Die Tatsache, dass ihnen dabei schwindelig wurde, sie sich nicht ausdrücken konnten und sich absolut unwohl fühlten, ist Grund genug zu „lernen“ sich nicht wieder in solch eine Situation zu begeben. Körperliche Reaktionen werden von unserem Bewusstsein aktiv interpretiert als Reaktion auf Gefahrenumstände.

kopfvoll - soziale Phobie

Auslöser für eine soziale Phobie kann ein einfaches Erlebnis aus der Jugendzeit sein. Ein einmaliges Vorkommnis, in dem man in einer sozialen Situation im Mittelpunkt stand, bewertet wurde, ausgelacht wurde oder nicht nach seiner eigenen Vorstellung funktionieren konnte. Man hat sich selbst enttäuscht. Es können auch mehrere anhaltende negative Umstände dazu führen, dass soziale Situationen langsam aus der Wunschvorstellung eines perfekten Lebens gedrängt werden. Mehrere Instanzen, in denen fehlende Belohnung, grobe Enttäuschung (emotionaler Schaden, Verlust von Ressourcen) oder mangelnde Akzeptanz anderer, zur Vermeidung sozialer Interaktion führten.

Leidende wissen sich nicht selbst zu helfen. Der einzige Ausweg, der Weg in die Einsamkeit, ist oft verbunden mit dem Wunsch „normal“ zu sein. Sie wünschen sich, wie andere, gemeinsam ein Restaurant zu besuchen, die S-Bahn zu nehmen, vor Freunden einen Witz zu erzählen. Am komfortabelsten ist für viele ein Kommunikationsweg, der sie nicht zwingt sich unter die Blicke und den Einschätzungen anderer zu begeben. Briefkontakt, E-Mails und Chats sind anfänglich für viele Betroffene ein guter Einstieg in die erneute Zwischenmenschlichkeit. Es gibt ihnen Zeit Antworten zu bedenken. Es erspart ihnen wertende Blicke Fremder. Es basiert auf einer vertrauensvollen Ebene, da niemand mithört (NSA und andere Nachrichtendienste außen vorgelassen) und der Gesprächspartner frei gewählt wurde. Von diesem Punkt an ist ein nächster effektiver Schritt der Weg in die virtuelle Kommunikation mit Bild und Ton, bzw. nur Ton. Ein einfaches Telefonat oder eine Videokonferenz bieten die Sicherheit der eigenen Entscheidungen, bedeuten jedoch trotzdem Fortschritt in der eigenen Überwindung. Jederzeit kann einem Gespräch aus dem Weg gegangen oder ein bereits geführtes beendet werden und jederzeit kann erneut versucht werden ein weiteres Gespräch zu führen.


In weiteren Teilen werden die wichtigsten Faktoren einer sozialen Phobie/sozialen Angststörung aufgegriffen und erklärt:

 

Teil 2 – Die Meinung Anderer

 


Dustin Jaros
Dustin Jaros

Mein Name ist Dustin Jaros, ich bin Psychologe und arbeite in der psychosozialen Betreuung. Menschen profitieren von meiner Beratung über das Internet (Skype, E-Mail, Spreed) und via Telefon. Damit sind sie oft örtlich unabhängig und können auch ohne viel Aufwand meine Beratung wahrnehmen. Meine Gesprächspartner genießen meine offene, ehrliche und authentische Art. Für Kopfvoll mache ich Fotos, schreibe Texte und kümmere mich um die sozialen Medien (Instagram: @kopfvoll / Facebook: k0pfv0ll).