Ehrenamtlich - andere Länder

Sozialer Status – Wer spendet mehr

Sozialer Status und Spenden

Wer mehr hat kann mehr geben, oder behält es lieber

 

Sie, liebe Leserschaft, entscheiden vorerst selbst. A oder B?

A: Reiche Menschen in guten sozialen Verhältnissen spenden verhältnismäßig mehr Geld, Zeit und Energie an gemeinnützige Zwecke als Menschen in schlechteren sozialen Verhältnissen.

B: Ärmere Menschen in schlechteren sozialen Verhältnissen spenden verhältnismäßig mehr Geld, Zeit und Energie an gemeinnützige Zwecke als Menschen in besseren sozialen Verhältnissen.

Wenn Sie beide Alternativen für denkbar halten, dann lassen Sie mich ein paar Gründe anführen, die Ihre Entscheidung noch weiter verunsichern wird:

Begründungen für A:

  • Höherer sozialer Status geht einher mit finanzieller Unabhängigkeit und damit auch mit der Möglichkeit sein Geld in verschiedenste Angelegenheiten zu investieren ohne Verlust zu befürchten.
  • Mehr Ressourcen zur Verfügung zu haben geht einher mit geringerer Existenzangst. Menschen mit mehr Geld und Zeit fürchten weniger um ihr Dasein und sind im Allgemeinen ausgeglichener.
  • Höherer sozialer Status erweckt Aufmerksamkeit von anderen sozial niedrigeren Schichten. Das eigene Ansehen kann mit dem Einsatz von Geld manipuliert werden (nicht-altruistisch).
  • Sozial höherer Status wird erreicht von sozial kompetenten Menschen, die gut Netzwerken und mit prosozialem Verhalten zwischenmenschliche Bindungen sichern. Sie spenden aus selbstlosen Gründen (altruistisch).

Begründungen für B:

  • Sozial niedrig gestellte Menschen sind stärker auf den sozialen Zusammenhalt in ihrer Umgebung angewiesen, spenden daher mehr von ihren Ressourcen an andere.
  • Schlechtere soziale Verhältnisse bedeuten stressvollere Lebensumstände und höhere Anfälligkeit für gefährliche Umwelteinflüsse. Die Abhängigkeit von anderen wird als Grund erlebt, um sich mehr für andere eizusetzen.
  • Fehlende ökonomische Unabhängigkeit verleitet zu prosozialem Verhalten „andere können mit besser helfen als ich mir selbst helfen kann“.
  • Wer wenig hat, weiß wie wichtig teilen ist. Teilen, in sozial niedrigen Schichten, lässt den Faktor der Zufriedenheit in den Vordergrund rücken. Zusammenhalt stärkt die Psyche und macht glücklich.

Klingt plausibel? Ist es auch. Sogar die Wissenschaft weiß sich nicht mehr so genau zu helfen und findet für beide Möglichkeiten „Beweise“. Für jeden dieser Gründe gibt es bereits Studien aus wissenschaftlichen Bereichen, welche die Gründe belegen, dass Menschen tatsächlich prosoziales Verhalten an den Tag legen, weil sie (A) entweder sozial besser gestellt sind oder weil sie (B) sozial benachteiligt sind.

Wie sollen wir nun, als nicht-akademische Außenseiter, entscheiden, ob wir reich werden sollen oder nicht? Woher können wir die Sicherheit nehmen mehr spenden zu wollen, wenn wir nicht einmal wissen, ob wir unser angehäuftes Geld nicht lieber behalten wollen würden?  Benzin ist teuer. Der Lexus darf nicht aufhören uns zu fahren. Noch schlimmer, er fährt sich nicht von selbst.

Zu unserer Rettung haben sich drei Herren auf die Suche nach der absoluten Antwort begeben (Universität Leipzig - Martin Krondörfer und Johannes Gutenberg Universität in Mainz - Boris Egloff und Stefan Schmukle). Ihre Ergebnisse werden besonders die B-Wähler unter uns überraschen.

Mit Hilfe von 8 gut durchdachten und statistisch exzellent ausgewerteten Experimenten haben sie eine relativ starke Kongruenz in Ihren Antworten gefunden.

Menschen in sozial besseren Verhältnissen verhalten sich prosozialer als Menschen in schlechteren sozialen Verhältnissen. Bessergestellte spenden mehr Geld, spenden mehr Zeit und setzen mehr Energie in freiwillige Arbeit ein als schlechter gestellte.

Hier die einzelnen Ergebnisse der acht Studien in Form von Darstellungen. Sie dürfen Ihr Leseverständnis nun auf Minimum herunterfahren und sich auf die Bildchen und den Kaffeepot vor Ihnen konzentrieren. Die horizontale Achse stellt die sozialen Klassen dar. Von -3 (sozial niedrigste Schicht = arm) bis 3 (sozial höchste Schicht = reich). Die vertikale Achse stellt prozentual das untersuchte Verhalten der jeweiligen Gruppen dar.

Studie 1 – Spendenverhalten in Deutschland

Je besser die sozialen Umstände, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen spenden (in Deutschland).
Spenden in Deutschland

Je besser die sozialen Umstände, desto mehr und öfter wird gespendet.  Beachte: Betrachtet man nur die Haushalte, die spenden, fällt eine U-förmige Kurve auf
Spendenverhalten Deutschland

Studie 2 – Spendenverhalten in den USA

Auch in den USA gilt: je besser die sozialen Umstände, desto öfter wird gespendet:
Spendenverhalten USA

Anders sieht es jedoch aus bei den Beträgen der Spenden:
Spendenverhalten USA

Studie 3 – Subjektive Einschätzung sozialer Klasse

Menschen schätzen ihren objektiven sozialen Status subjektiv ein. Der Unterschied zwischen Selbsteinschätzung (gestrichelte Linie) und objektiven Faktoren (durchgezogene Linie) in der Wahrscheinlichkeit zu spenden:
Subjektive Einschätzung

Gleiches für die Häufigkeit der Spenden:
Subjektive Einschätzung

 

Studie 4 – Freiwillige/ehrenamtliche Arbeit (Deutschland)

Je höher der soziale Status, desto wahrscheinlicher wird geholfen:Ehrenamtlich

Auch bei der Häufigkeit freiwilliger Hilfsarbeit gilt das gleiche:
Ehrenamtlich

Studie 5 – Freiwillige/ehrenamtliche Arbeit (USA)

Leicht gekurvt, dennoch gleiche Tendenz. Je besser der soziale Status, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass freiwillig geholfen wird:
Ehrenamtlich USA

Zwischen dem objektiv feststellbarem sozialen Status und dem subjektiv eingeschätzten Status gibt es hinsichtlich der Frage „Wie wahrscheinlich wird geholfen?“ nur geringe Unterschiede:
Ehrenamtlich USA

Studie 6 – Freiwillige/ehrenamtliche Arbeit (30 andere Länder)

Wir sehen, auch in anderen Ländern dieser Welt gilt der gleiche Trend:

Ehrenamtlich - andere Länder

Studie 7 – Hilfeleistung im Alltag (Befragung)

Mit einer starken Zunahme im sozial schlechter gestellten Bereich, sieht man eine Stagnation im Anstieg des Hilfeverhaltens bei sozial besser gestellten Menschen:alltägliche Hilfe

 

Studie 8 – Hilfeleistung im Alltag (Spiel-Theorie)

Mit Hilfe eines Ressourcenspiels (Spieler erhalten imaginäre Ressourcen und haben die Wahl diese aufzuteilen oder zu behalten) wurde ein gleichwertiges Ergebnis erzielt. Je höher der soziale Status, desto wahrscheinlicher werden Ressourcen verteilt:
Alltägliche Hilfe

 

Korndörfer, Egloff und Schmuckle (2015) haben mit ihren acht Untersuchungen einheitliche Ergebnisse erzielen können:

Wer mehr hat, gibt mehr ab.


Korndörfer M, Egloff B, Schmukle SC
(2015) A Large Scale Test of the Effect of Social
Class on Prosocial Behavior. PLoS ONE 10(7):
e0133193. doi:10.1371/journal.pone.0133193

Editor: MariaPaz Espinosa, University of the Basque
Country, SPAIN
Received: November 5, 2014
Accepted: June 23, 2015
Published: July 20, 2015
Copyright: © 2015 Korndörfer et al. This is an open
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