“Ich habe keine Ahnung wovon du die ganze Zeit redest.”

Objektive Wahrnehmung ist rar. Informationen sind notwendigerweise geprägt von subjektiven Überzeugungen. Wir nehmen eine Farbe wahr und nennen sie “rot”. Bereits als Kind haben wir gelernt welche Farben wie heißen. Oft genug mussten wir Erwachsene fragen, bis wir intuitiv wussten welche Beschreibung welchem Farbphänomen zugeordnet wird.

Wenn wir darüber nachdenken, weshalb wir den Sinneseindruck eines roten Objekts als solches mit genau diesem Wort bezeichnen, sollten wir zuerst berücksichtigen wie verschieden unsere Wahrnehmung sein kann. Es gibt nur wenige Menschen auf der Welt die ihren genetischen Code mit jemand anderem teilen. Von denen, die als eineiige Zwillinge geboren wurden gibt es wiederum kein Paar das über die Lebensspanne hinweg in jeder Situation die exakt gleichen Erfahrungen macht oder gemacht hat. Da Umweltfaktoren maßgeblich mitbestimmen wie sich ein Organismus entwickelt, ist davon auszugehen, dass kein Mensch einem anderen bis in das kleinste Detail gleicht. Der Winkel, in dem unsere Ohren an unseren Schädel angelegt sind, bestimmt wie Schallwellen auf unser Trommelfell treffen. Die Länge unserer Nasenflügel bestimmt mit, wie viel Kubikmeter Luft pro gestiegener Treppenstufe unsere Lunge verwerten kann. Wenn einhundert Menschen die gleiche Treppe hinauflaufen, entstehen einhundert verschiedene Erfahrungen darüber, wie unsportlich man ist.

Subjektivität und Denken - Phänomenale KonzepteDer Punkt, dass kleinste biologische Unterschiede zwischen zwei oder mehr Menschen, so sehr sie sich äußerlich auch als ihr Doppelgänger ausgeben könnten, zu einer sehr individuellen Wahrnehmung führen, ist maßgeblich bestimmend dafür, wie wir unser Leben gestalten. Wäre dem nicht so, bräuchten wir uns nicht darüber streiten, welche Partei an die Spitze gehört oder wie ein richtiger Hund auszusehen hat. Durch unsere fünf Sinne bestimmen wir die Welt. Wer kann also, wie es die philosophische und kognitive Wissenschaft seit jeher erfolglos versucht, bestimmen, dass ein “rot” DAS “rot” ist?

Um Inneneinrichtern das Leben aber nicht maßlos umständlich zu gestalten, haben wir durch den langwierigen und stets fortschreitenden Entwicklungsprozess unserer Sprache für die meisten Situationen eine Einigung/einen Mittelweg finden können. Der Konsensus über die Farbkategorien erfüllt also, wie viele unserer Denkabkürzungen (Heuristiken), oftmals einen wichtigen Zweck. Für die oberflächliche Ebene der alltäglichen Kommunikation reicht eine kurze Beschreibung der scheinbar objektiven Konzepte unserer Wahrnehmung und des Denkens (rot, schnell, schön, warm etc.), die wir uns von kleinauf angeeignet haben, auch aus. Doch betrachten wir solche Konzepte näher, dann sollte uns etwas auffallen. Ein simples “rot” hat Eigenschaften, die wir weiter beschreiben können. Abhängig von der Ebene der Betrachtung erschließen sich uns neue Welten. Denken wir an eine mikroskopische Vergrößerung eines unserer Haare, sofern wir noch welche haben. Auch in nicht-materieller Sprache gibt es, durch vielfältige Benutzung und Wahrnehmung, Eigenschaften die immer weiter beschrieben werden können. Der generellen Effizienz unserer Kommunikation, also der energiesparenden und meist verbalen, bzw. via Facebook geschriebenen Übertragung von Informationen, tut die Einfachheit von “rot” dem Empfänger unserer Nachricht aber keinen Abbruch. Da fast jeder Mensch eine Vorstellung davon hat was “rot” bedeutet, wenn es in einem gewissen Kontext erscheint, ist es oftmals nicht nötig spezifischer darauf einzugehen. Will man es genau wissen, hat man dennoch Mittel und Wege einer genaueren Beschreibung gerecht zu werden. Auf der einen Seite kann man auf ein Konzept (in diesem Fall eine Farbe) ausweichen, die etwas genauer die gewünschte Information überträgt. Sozusagen eine direkte Bestimmung dessen, was wir von grundan vermitteln wollten. Mit Mittel-, Kamin- oder Purpurrot können wir, sofern uns unsere Erzieher im Kindergarten jemals über die Vielfältigkeit von Farbnamen informiert haben, schnell bestimmte Unterarten von “rot” beschreiben. Auf der anderen Seite können wir, sollten uns detailliertere Farbbezeichnungen nicht geläufig sein, bestimmte Vergleiche antreten. “Heller als das rot auf deiner Mütze, aber nicht ganz so grell wie die Schuhe deiner Frau.” Auch wenn nicht immer bis in das kleinste Detail deutlich ist, welche Farbe nun genau gemeint ist, haben Empfänger einer solch vergleichenden Nachricht mehr Informationen mit denen sie sich ein Bild von der Vorstellung (“rot”) des Senders machen können.

Der springende Punkt ist jedoch nicht die Möglichkeit sprachliche Beschreibungen genauer zu formulieren. Er ist vielmehr der, dass auch mit der präzisesten Auslegung einer Sache, mit Hilfe von dem besten Sprachgebrauch den wir uns vorstellen können, niemals eine Vorstellung oder Erinnerung als ganzes von jemandem auf eine andere Person übertragen werden kann. Es wird immer etwas fehlen. Wie oben erwähnt, gleicht keiner Person einer anderen in seiner/ihrer Wahrnehmung. Einige hören tiefe Töne besser, andere erkennen Straßenschilder aus 300m Entfernung und wiederum andere frieren bei 25°C Zimmertemperatur. Subjektivität ist also ein Teil unserer fest im alltäglichen Leben verankerten “objektiven” Phänomene. Wir finden mit Hilfe unserer Sprache Übereinstimmungen mit, und Unterschiede zwischen, uns bekannten Eigenschaften von Objekten und Erfahrungen und versuchen damit, so gut es uns gelingt, verständlich unsere Eindrücke zu vermitteln. Erinnerungen die uns wichtig sind, beschreiben wir lebhaft und umfangreich. Wir möchten ganz genau verständlich machen, wie schön unsere Urlaubsreise am kaspischen Meer war. Dass unser Gegenüber nicht dabei war und trotz bester Beschreibung aller Geschehnisse nicht unseren Eindruck teilen kann, wird dabei oft vernachlässigt.

Grund dafür ist nicht etwa fehlende Vorstellungskraft. Wir können natürlich erahnen wie ein eisgekühlter Caipirinha in kasachischer Mittagssonne schmeckt. Was uns jedoch niemals bewusst werden kann, ist wie es sich für jemand anderes angefühlt hat zu seiner Urlaubszeit unter seinen individuellen Umständen und seinem Spektrum an Erfahrungen am windigen Strand zu sitzen und ein Kaltgetränk zu schlürfen. Auch wenn wir eine gewisse Ahnung haben, die Erinnerung einer anderen Person wird uns in seiner gesamten Vielfalt niemals zugänglich sein. Aus diesem Grund bedienen wir uns umständlicher Sprache, um jedes Detail mindestens zweimal zu erläutern und verfehlen unser Ziel im Endeffekt trotzdem. Abhängig von der Aufmerksamkeitsspanne unserer Zuhörer haben einige ein besseres Bild darüber, “wie es für uns war, als wir drei Stunden am Zoll festgehalten wurden” als andere. Die lebhaftigkeit unserer eigenen Erinnerungen wird einer Nacherzählung aber niemals das Wasser reichen können, denn der wichtigste Aspekt eines Erlebnisses, welches wir am eigenen Leib erfahren, ist das phänomenale Konzept. Solch ein Konzept beschreibt die eigentliche Essenz einer Erfahrung Das “wie es ist” oder “wie es sich anfühlt”. Es beschreibt das Phänomen einer erlebten Situation auf emotionale Art, in dem es der Erinnerung an diese Situation einen Cocktail aus gefühlten Empfindungen hinzufügt. Wir erinnern uns nicht nur lebhaft an die Uhrzeit, zu der wir bei einem wichtigen Kunden hätten sein müssen, sondern auch daran, wie der Terror des Verschlafens und die Verwirrtheit durch unsere morgendliche Lähmung.

Phänomenale Konzepte und Erinnerung

Eines der bekanntesten Gedankenexperimente zu der Thematik “phänomenale Konzepte” handelt von einer jungen Wissenschaftlerin mit dem Namen Mary:

Mary lebt seit ihrer Geburt in einem ausschließlich schwarz-weißen Haus. Seitdem sie vor vielen Jahren in diesem Haus geboren wurde, hat sie nichts anderes mit ihren Augen wahrnehmen können als weiße Wände, graue Tische und schwarze Türen. Jeder Gegenstand in ihren vier Wänden befindet sich farblich im Spektrum zwischen schwarz und weiß. Fenster gibt es keine, der Architekt hatte zu Zeiten der Planung Streit mit dem Zulieferer. Zu allem Übel konnte Mary nie das Haus verlassen, da ihr Vater am Tag ihrer Geburt von außen verriegelte und vergessen hat zurück zu kommen.

Mary konnte sich über die Jahre aber gut beschäftigen. Aus ihr unbekannten Gründen gab es in der hauseigenen Bibliothek alle Bücher zu allen Themen. Von Physik über Biologie zu “10 Tips - wie sie schneller an Geld kommen” hatte Mary Zugang zu allem Wissen dieser Welt. Wissbegiereig, wie sie war, las sie ein Buch nach dem anderen.Tag für Tag hat sie hunderte Seiten verschlungen und niemals etwas davon vergessen.

An einem tristen Sonntag, zu einer Zeit in der die restliche Weltbevölkerung gerade den Tatort zu Ende geschaut hat, öffnete sich die Eingangstür zu Mary’s Haus. Zeitlich hätte es nicht besser kommen können, da Mary gerade die letzte Seite des letzten Buches ausgelesen hatte und kurz davor war sich von ihrer Langeweile betrügen zu lassen.

Völlig verdutzt schiebt Mary die Tür komplett auf. Geblendet von Sonne hält sie sich beide Hände vor ihr Gesicht. Nicht lange und sie öffnet langsam und vorsichtig ihre Barriere. Dabei fällt ihr Blick als erstes, nach all den tristen Jahren in einem monochromatischen Haushalt, auf eine rote Rose in ihrem Vorgarten, von dem sie zu ihrem erstaunen erst jetzt erfährt.

Die Frage, die nach dem Erzählen dieser Geschichte gestellt werden muss um das Gedankenexperiment zu vollenden ist:

Wusste Mary, nachdem sie sich das gesamte Wissen dieser Erde durch Bücher angeeignet hat, aber noch bevor sie die rote Rose erblickt hat, wie es sich anfühlt eine rote Rose zu sehen?

Kleine Anstöße:

  1. Mary kannte ALLE Fakten
  2. Mary’s Augen sind in Ordnung
  3. Sie hat eventuell leichte (bis mittel-extreme) Kopfschmerzen von der Reizüberflutung


Wissen wir, wie es sich anfühlt jemand anderes zu sein?


Literatur für die Badewanne:

  1. David J. Chalmers - Phenomenal Concepts and the Explanatory Gap
  2. David Papineau - Phenomenal and Perceptual Concepts

 


Dustin Jaros
Dustin Jaros

Mein Name ist Dustin Jaros, ich bin Psychologe und arbeite in der psychosozialen Betreuung. Menschen profitieren von meiner Beratung über das Internet (Skype, E-Mail, Spreed) und via Telefon. Damit sind sie oft örtlich unabhängig und können auch ohne viel Aufwand meine Beratung wahrnehmen. Meine Gesprächspartner genießen meine offene, ehrliche und authentische Art. Für Kopfvoll mache ich Fotos, schreibe Texte und kümmere mich um die sozialen Medien (Instagram: @kopfvoll / Facebook: k0pfv0ll).