Arbeitslosigkeit - kopfvoll

Wie entsteht Arbeitslosigkeit

Wie entsteht Arbeitslosigkeit?

Selbstzerstörung der Arbeit

 

Erst die Zahlen

Nehmen wir uns die aktuellsten Statistiken der Bundesagentur für Arbeit zur Hand und verinnerlichen für einen Moment, worüber wir überhaupt reden werden.

Wir erkennen, für den August dieses Jahres 2015, die Anzahl arbeitsloser-, unterbeschäftigter- und beschäftigter Arbeitslosigkeit - BAMenschen. Zusätzlich vermeldet ist die momentan verfügbare Anzahl an offenen Stellen. 2,8 Millionen Menschen haben demnach keinerlei Anstellung, wohingegen 30,7 Millionen Menschen eine Voll- oder Teilzeitbeschäftigung genießen dürfen. Über eine halbe Million Menschen hatten das Glück von Juni 2014 zu Juni 2015 an Arbeit zu kommen. Ein beachtenswerter Anstieg.

Weniger intensiv, aber dennoch nicht von der Hand zu weisen ist die leichte Zunahme von 23.000 zusätzlichen Menschen ohne Beschäftigung, im Vergleich zum Vormonat Juli (2015). Vor einem Jahr waren das noch 106.000 mehr.

Betrachtet man nicht nur die Arbeitsmarktentwicklung innerhalb eines Jahres, sondern zeichnet sie ab auf die Entwicklungen der vorergehenden Jahre, so entsteht folgendes Bild:

Verlauf der Arbeitslosigkeit

Seit 2005 beobachten wir, mit Ausnahme von 2008 (7,8%) zu 2009 (8,1%), einen kontinuierlichen Rückgang in den Zahlen arbeitsloser Deutscher.

Im Abbau von Arbeitslosigkeit scheinen wir also im letzten Jahrzehnt das ein oder andere richtig gemacht zu haben, bzw. richtig zu machen.

Was wir den Statistiken der Bundesagentur leider nicht entnehmen können, sind die Zahlen der nicht einbezogenen „nicht-vermittelbaren“ oder dauerhaft kranken Menschen, welche arbeitslos sind, aber nicht mit in die Werte der Statistik einfließen. Ebenso wenig tauchen Auszubildende, bzw. Menschen in Fortbildung, Ein-Euro-Jobber und alle die auf, die sich erst gar nicht beim BA melden. Hinter den eigentlichen Zahlen verstecken sich also noch große Anteile der Bevölkerung, die in der Berechnung und in der Darstellung der Werte, wie im obigen Diagramm, nicht einbezogen werden.

Hunderttausende Menschen entfallen somit jährlich öffentlichen Statistiken, sind aber, im eigentlichen Sinne, arbeitslos.

 

Arbeitslosigkeit - kopfvoll

 

Dann die Banalen

Der Zustand der Arbeitslosigkeit ist für die meisten keine bewusste Entscheidung gewesen. Kaum ein Durchschnittsbürger wird bei einem Cabernet Sauvignon von 2015 und einer Mikrowellenlasagne die Wahl getroffen haben: „Ich geh ab morgen nicht mehr zur Arbeit. Ich hab mir überlegt, ich brauche gar kein Geld.“

Eine solche Entscheidung hätte, bei gleichbleibenden Lebensbedingungen, verheerende Auswirkungen auf die persönliche Lebensqualität. Wir können also davon ausgehen, dass die absolute Mehrheit (die Umgangssprachliche, nicht die politische) aller arbeitsloser Deutscher sich nicht zum Ziel gesetzt hat arbeitslos zu sein/werden.

Wie kommt es dennoch dazu, dass bei großem Arbeitswillen in der Population über drei Millionen Menschen keine Arbeit finden, bzw. keiner (sinnvollen) Beschäftigung nachgehen können?

In einer (marktwirtschaftlich) perfekten Welt gäbe es, wie heute auch, Arbeitgeber auf der einen Seite und Arbeitnehmer auf der anderen. Die mächtigsten Arbeitgeber sind Firmen und Großkonzerne. In gleicher Situation würden alle Menschen Arbeit haben und die Zahl der unfreiwillig arbeitslosen wäre null.

Der Ausfall eines Arbeitnehmers in einem Betrieb bedeutet, dass dieser Betrieb sich Ersatz für den ausgefallenen Arbeitnehmer besorgen muss. In der Zeit, in der nach Ersatz gesucht wird und in der Zeit der darauffolgenden Einarbeitung des „Neulings“ würde weniger produziert werden. Ein kleineres Produktionsvolumen bedeutet gleichzeitig ein geringerer Umsatz für diese Periode.

Ist der Ersatz einmal eingearbeitet, funktioniert die Produktion wieder, als wäre nie jemand ausgefallen. Auf längere Sicht stellt sich bei 100prozentiger Beschäftigung in der Bevölkerung aber die Frage der Qualitätssicherung. Um die Qualität der Arbeit und den Arbeitswillen der eigenen Angestellten sicherzustellen, hat ein Arbeitgeber die Möglichkeit Lohnerhöhungen anzubieten, Arbeitszeiten zu verringern oder andersartige Bonusleistungen in Vertragsabschlüsse zu implementieren. In jedem Fall braucht es einen gewissen Anreiz für Arbeitnehmer, den sie zuvor in ihren Arbeitsbedingungen nicht hatten. Der Arbeitgeber wäre so gezwungen Abstriche im Profit zu akzeptieren (er gibt Arbeitnehmern mehr vom Gewinn ab), Produktionsleistungen zu verringern (Arbeitnehmer arbeiten weniger Stunden) oder von vornherein in Arbeitsverträgen sicherzustellen, dass er anderweitig einen gewissen Nachteil erlangt.

Der einfache Grund für die Notwendigkeit solcher Maßnahmen liegt in der Macht, die ein Arbeitnehmer in einer Welt von 0% Arbeitslosigkeit hat. Würde er ausfallen, gäbe es niemanden, der schnell für ihn/sie einspringen könnte. Auch die angesprochene Produktionsminimierung bei Ausfall einer Arbeitskraft, veranlasst es Arbeitgeber dazu möglichst lange seine jetzigen Arbeitskräfte zu behalten.

Wenn nun ein Arbeitgeber die Idee begrüßt die Zufriedenheit seiner Angestellten mit dem Mittel der Lohnerhöhung, und damit die Produktionsqualität seiner Produkte, zu erhöhen (konstant zu halten), so kreiert er, verglichen mit kontrahierenden Arbeitgebern, bessere Arbeitsbedingungen. Die Konkurrenz zieht nach, da ihnen sonst Arbeitskräfte verloren gehen, bzw. die Produktion leidet, weil sie streiken, sich beschweren, unzufrieden sind etc. Der Teufelskreis hat begonnen sich zu manifestieren.

Nach einigen weiteren Gehaltserhöhungen können es sich einige Arbeitgeber nicht mehr leisten weiterhin mit der Konkurrenz mitzuziehen und verlieren entweder ihren gesamten Betrieb oder die Kontrolle über die Qualität ihrer Produkte (Unzufriedenheit der Arbeitnehmer durch fehlende Möglichkeit der Lohnerhöhung). Im ersteren Falle würden damit alle noch angestellten Personen entlassen und arbeitslos werden. Im zweiten Falle würde die Unzufriedenheit der Arbeitnehmer in diesem Betrieb dazu führen, dass diese zu einem Arbeitgeber wechseln, dessen Existenz nicht in Gefahr ist und welcher mit den Lohnerhöhungen (oder anderen besseren Arbeitsbedingungen) mitziehen kann. Auch in diesem Fall würde der existenzbedrohte Arbeitgeber seine Angestellten verlieren. Ab diesem Zeitpunkt reguliert sich der Arbeitsmarkt auf eine andere Art und Weise. Es braucht nun nicht mehr überall mit der Verbesserung der Arbeitsbedingungen gehandelt werden. Die direkte Gefahr der Arbeitslosigkeit und das Überangebot an Arbeitskräften gibt die einst dem Arbeitnehmer zugeschriebene Macht an den Arbeitgeber ab (erinnere dich, niemand war vorher arbeitslos, jeder Arbeiter war Gold wert, Firmen haben aktiv nach mehr Arbeitskraft gesucht). Das Kartenhaus der perfekten Beschäftigung und optimaler Beschäftigungsverhältnisse für Arbeitnehmer fällt zusammen.

Nun könnte man argumentieren, dass Lohnerhöhungen nicht der einzige Weg sind um seinen Angestellten eine Anreiz zu bieten, um möglichst qualitativ hochwertig und langzeitig zu arbeiten. Das ist natürlich richtig. Würden wir uns jedoch einen anderen Weg der Arbeitnehmerkontrolle suchen, so stießen einige Arbeitgeber auch dort alsbald an ihre Grenzen. Konkurrenten mit besseren Arbeitsbedingungen würden Arbeitskräfte aus anderen Bereichen anlocken und damit ein Ungleichgewicht im Arbeitsmarkt erzeugen. Arbeitgeber, die da nicht mitziehen können, gehen ein und werden selbst arbeitslos. In vielen Fällen ziehen sie noch verbliebene Angestellte mit in die Arbeitslosigkeit (Insolvenzfälle). Es gibt mehr Menschen, die Arbeiten wollen, als es Stellen gibt, um sie arbeiten zu lassen.

Mit der neu erworbenen Macht der Arbeitgeber kann dieser auf eigene Faust sämtliche vertraglichen Inhalte und Bedingungen relativ frei aufstellen. Arbeitslose gewillte Mitmenschen findet man mit Leichtigkeit, jetzt wo die Arbeitslosenquote von 0% auf einen positiven Wert erhöht wurde.

Arbeitgeber, deren Betriebe expandieren und stetig mehr produzieren, tun dies nicht auf eine lineare Art. 10 zusätzliche Angestellte stehen nicht immer für den gleich großen Produktionsanstieg von, sagen wir, 1 Prozent (hypothetisch). Durch Automatisierung von Prozessen (Fließband) und Abgabe von vielen Bereichen der Arbeit an technische Maschinerie (denken wir nur mal an die Automobilindustrie), benötigt ein wachsender Betrieb keine linear ansteigende Arbeitnehmerzahl. Es werden, im Verhältnis zu dem geleisteten Produktionsumfang, tatsächlich immer weniger Menschen angestellt.


Bei mehr Interesse und sehr guten Englischkenntnissen:

Unemployment - Macroeconomic Performance and the Labour Market von Richard Layard, Stephen Nickell, und Richard Jackman