kopfvoll - Zwillinge

Zwillinge

„Der Vergleich von monozygoten Zwillingen in verschiedenen Umwelten mit monozygoten Zwillingen in gleichen Umwelten ergibt den Einfluss der Umwelt, der Vergleich von dizygoten Zwillingen in gleicher Umwelt mit monozygoten Zwillingen in gleicher Umwelt den Einfluss des Erbguts.“  

–  Francis Galton, 1937.

kopfvoll - Francis Galton

 

Der Mann aller Zwillinge

Was haben Sean Connery, Francis Galton und Patrick Stewart gemeinsam?

Neben dem gleichen Friseur teilen sie sich ein Dasein als Ritter. Sir Thomas Sean Connery wurde 38 Jahre nach seinem 1962’er James Bond von Queen Elizabeth II zum Ritter geschlagen. Galton hatte bereits 1909, Patrick Stewart 2010, die Ehre.

Auch wenn zwei der drei Männer bereits eine genetische Prädisposition zu hoher Intelligenz und einer charmanten Art aufweisen, ist Galton definitiv derjenige mit dem effektivsten Denkapparat. Zitiert man die seiner Person gewidmete englischsprachige Wikipedia-Seite, ist es schwer zu fassen, wo seine professionellen Qualifikationen aufhörten und sein „just-for-fun“ im Schaukelstuhl anfing. Er wird angepriesen als Statistiker, Soziologe, Psychologe, Anthropologe, Eugeniker, Geograph, Erfinder, Meteorologe und Psychometriker.

Es scheint als hätte er beim Berechnen von linearen Regressionen die Zeit gefunden Erdplatten zu messen, Teilnehmer für Studien zu mobilisieren, sozialen Wandel zu bewerten und Gene für einen gesunden Fortbestand der Menschheit zu isolieren. Irgendwo, Im Rausch der Theorien, des Wissens, der Verknüpfungen und dem Erfinden, sah er für lange Zeit doppelt.

Seine Symptomatik war jedoch nicht besorgniserregend. Ganz im Gegenteil, wäre ihm nicht ein erheblicher Anteil seiner sozialen Kontakte als doppelte Ausführung erschienen, hätte er sich Sorgen machen müssen. Sorgen um seine wissenschaftliche Zukunft. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht Zwillinge zu studieren. 

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Studien Zweier Identitäten

Im wissenschaftlichen Bereich der Sozialforschungen, besonders der Sozialpsychologie, wäre man gern ein ganzes Stück schlauer. Wüssten wir wie viel Einfluss der Lebensraum einer Person auf ihre individuelle Lebensgeschichte hat, könnten wir Aussagen treffen darüber, wie z.B. die Größe einer Wohnung die mentale Gesundheit beeinflusst oder wann genug Freunde zu viele Freunde werden. Das Entschlüsseln der Sequenzen von aktiven und passiven Genen unter Einfluss äußerer Faktoren ist ein wertvolles Ziel.

In einer Welt, in der Datenträger groß genug sind um den Maschinencode deiner genetischen Konstellation zu speichern und das Auslesen eines Genstranges nur wenige Sekunden dauert, wüssten wir sehr exakt, welche Gene verantwortlich sind für welche Erkrankungen, wie dagegen vorgegangen werden kann und inwieweit genetische Erben davon betroffen sein können.

Zwillingsstudien versuchen auf weniger utopische Weise heraus zu kristallisieren, welche Merkmale einer Person ihren Genen zuzuschreiben sind und welche Merkmale der gleichen Person auf Grund äußerlicher Umwelteinflüsse zustande gekommen sind. Dabei werden monozygote, also eineiige, Zwillinge von dizygoten, also zweieiigen, Zwillingen unterschieden. Eineiige Zwillinge haben einen identischen Satz Gene, wohingegen zweieiige Zwillinge eine ca. 50 prozentige Übereinstimmung im Genom aufweisen.

Wenn nun zwei (bis auf das Molekül) absolut identische Personen für mehrere Jahre im gleichen Haushalt unter sehr ähnlichen Bedingungen aufgezogen werden, wird zwischen ihnen kein erheblicher Unterschied zu beobachten sein. Mit der Zeit ändern sich stets mehr Faktoren im örtlichen und sozialen Raum beider Personen. Nach 21 weiteren Jahren interessieren sie sich nicht nur für völlig verschiedene Sportarten, sondern haben darüber hinaus sogar Ehepartner verschiedener Geschlechter.

Mit Zwillingsstudien kann (und konnte) viel über den Einfluss äußerer Faktoren auf unsere Gene gesagt werden. Leider werden wiederholt fehlerhafte Annahmen gemacht, mit denen Resultate aus solchen Studien fragwürdig und ohne starkes Fundament erscheinen.

Notwendige (fehlerhafte) Annahmen

Einige solcher Annahmen sind folgende:

Fortpflanzung ist eine Frage des Zufalls
Zwillingsforscher nehmen oft an, dass Menschen sich gegensätzliche Partner suchen. Weniger drastisch ausgedrückt nimmt man an, eine Person würde für eine romantische Beziehung mit Fortpflanzung als Ziel eher zu einem Partner tendieren der anders ist als man selbst. Begründbar mit der Vielfältigkeit des entstehenden genetischen Codes, ist es nur sinnvoll für einen Organismus möglichst seltene fremde Gene mit den eigenen zu kombinieren.

Gleiche Umwelt
Ebenfalls angenommen, und zwingend notwendig für das Durchführen von Zwillingsstudien, ist die Gleichheit der Umweltfaktoren, denen beide Zwillingskinder ausgesetzt sind. Generell wird angenommen, dass zwei genetisch identische Kinder (oder halb identische Kinder) in gleichen Umgebungen die gleiche Entwicklung durchleben würden. Gegensätzlich dazu gibt es aber bereits wichtige Funde, die belegen, dass eineiige Zwillinge von Lehrern, Eltern und Freunden sehr gleich behandelt werden. Zweieiige Zwillinge dagegen sehr unterschiedliche behandelt werden, obwohl sie alle der angesprochenen Umweltfaktoren teilen.
 
Gen-Umwelt Interaktion
Viele Studien im Bereich der Zwillingsforschung sind aufgestellt worden ohne einen Gedanken an Epigenetik zu verschwenden. Tatsächlich ist bereits bewiesen, dass Schlüsselerlebnisse, wie z.B. Misshandlung im Kindesalter, sehr hoch mit bestimmten späteren Verhaltenseigenschaften korrelieren. Gleichermaßen können wir davon ausgehen, dass ein vorhandene Kausalität ausgeht von der Misshandlung des Kindes und sich, bedingt durch die Entfaltung genetischer Prägungen, entwickelt zu einem gewaltbereiten Individuum.
 
Genetischer Mechanismus
Zwillingsstudien berücksichtigen selten mehr als einen Mechanismus genetischer Kombinationen. Additive genetische Kombinationen, also simples Zusammenfügen zweier Gene, wird üblicherweise von solchen Studien hantiert. Es gibt jedoch noch weitere Mechanismen, zum Beispiel das bekannte dominante > rezessive Gen.

kopfvoll - Epigenetik

Quellen:

[1] - Johnson, W., Turkheimer, E., Gottesman, I. I., & Bouchard, T. J. (2010). Beyond Heritability: Twin Studies in Behavioral Research. Current Directions in Psychological Science, 18(4), 217–220. http://doi.org/10.1111/j.1467-8721.2009.01639.x

[2] - Pam, A., Kemker, S.S., Ross, C.A., & Golden, R. (1996). The "equal environments assumption" in MZ-DZ twin comparisons: An untenable premise of psychiatric genetics? Acta Geneticae Medicae et Gemellologiae, 45(3), 349-360.

[3] - Kendler, K.S., Neale, M.C., Kessler, R.C., Heath, A.C., & Eaves, L.J. (1993). A test of the equal-environment assumption in twin studies of psychiatric illness. Behavior Genetics, 23, 21-28.

[4] - Epigenetik: Sind wir Gene oder Umwelt? Arte, 2015.

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D.J.

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